Die Mimar-Sinan-Moschee in Atasehir – ein modernes „Selatin“ am asiatischen Ufer Istanbuls
Die Mimar-Sinan-Moschee ist eines der ehrgeizigsten religiösen Bauwerke der modernen Türkei und ein markanter Orientierungspunkt im Geschäftsviertel Atasehir auf der asiatischen Seite Istanbuls. Die 2012 eröffnete Mimar-Sinan-Moschee trägt den Namen des großen osmanischen Baumeisters des 16. Jahrhunderts, und ihre 42 Meter hohe zentrale Kuppel sowie die schlanken, 72 Meter hohen Minarette sind schon von weitem zwischen den Glastürmen des Geschäftsviertels zu sehen. Der Komplex bietet Platz für 10.000 bis 12.500 Gläubige und wurde als „Selatin“ konzipiert – eine sultanische Moschee der Neuzeit, die laut dem damaligen Premierminister Recep Tayyip Erdoğan den Mangel an einem imperialen Bauwerk dieser Größenordnung am anatolischen Ufer der Stadt beheben sollte. Dies ist ein seltenes Beispiel dafür, wie die osmanische Architekturschule bewusst bis ins 21. Jahrhundert fortgeführt wird.
Geschichte und Entstehung der Mimar-Sinan-Moschee
Die Idee einer großen Moschee für den rasant wachsenden asiatischen Teil Istanbuls wurde jahrelang diskutiert: Zu Beginn der 2000er Jahre lebten auf dieser Seite des Bosporus mehr Menschen als im historischen europäischen Teil, doch gab es hier keine großen Kultstätten auf „sultanischem“ Niveau. Auftraggeber des Projekts war die türkische Regierung, Architekt war Hilmi Şenalp, bekannt für seine Arbeiten im Geiste der klassischen osmanischen Tradition. Ursprünglich sollte das Gebäude „Große Anatolische Moschee“ (Ulu Anadolu Camisi) heißen, um seine regionale, verbindende Bedeutung zu unterstreichen.
Während der Bauphase änderte sich der Name. Auf Beschluss von Premierminister Recep Tayyip Erdogan wurde die Moschee Mimar Sinan gewidmet – dem Chefarchitekten von Sultan Süleyman dem Prächtigen, dem Schöpfer der Süleymaniye, der Selimiye in Edirne und Dutzender anderer Meisterwerke des 16. Jahrhunderts. So wurde der moderne Komplex durch seinen Namen mit dem goldenen Zeitalter der osmanischen Architektur verbunden und zugleich mit einer Persönlichkeit, die im türkischen kulturellen Gedächtnis als Symbol für Ingenieursgenialität und Religionsverträglichkeit gilt.
Die feierliche Eröffnung fand 2012 statt und wurde von einer symbolträchtigen Geste begleitet, die wie aus den Seiten osmanischer Chroniken entnommen schien. Bei der Zeremonie überreichte Erdogan den Ehrengästen Miniaturkopien der Moschee – in Anlehnung an das Ritual der Sultane, die nach der Errichtung einer neuen Selatyn-Moschee deren verkleinerte Modelle an Wesire und ausländische Botschafter verschenkten. Damit verwiesen die Organisatoren direkt auf das 16. Jahrhundert, als solche Gebäude nicht nur Tempel, sondern politische Manifestationen der Macht waren.
Erdogan sagte in seiner Rede ganz offen: Vor Mimar Sinan gab es an der anatolischen Küste Istanbuls keine echte „Selatin“-Moschee – also keine sultanische Reichsmoschee. Dieser Begriff verweist auf einen besonderen Status: Selatin-Moscheen wurden nur auf Geheiß des regierenden Sultans errichtet, wie beispielsweise die Süleymaniye-Moschee oder die Blaue Moschee. Das moderne Bauwerk erhielt dieselbe typologische Bezeichnung – ein seltener Fall, in dem sich die Architektur des 21. Jahrhunderts bewusst in die alte sakrale Hierarchie einfügt.
Der Name des großen Sinan wurde nicht zufällig gewählt. Der Janitscharen-Architekt, der fast hundert Jahre alt wurde und drei Sultane überlebte, hinterließ Hunderte von Moscheen, Brücken, Bädern und Medresen im gesamten Reich – von Damaskus bis Budapest. Für den russischsprachigen Leser ist der Name Sinan in seiner Bedeutung mit der Figur Rastrellis oder Baschenows in unserer Kultur vergleichbar: Er ist nicht einfach nur ein Baumeister, sondern ein symbolträchtiger Architekt, durch den der Staat seit Jahrhunderten die Sprache der großen Form spricht. Indem sie die neue Moschee nach ihm benannten, verbanden die Auftraggeber das Jahr 2012 mit dem goldenen Zeitalter der osmanischen Architektur und zeigten gleichzeitig, welcher Tradition sie genau folgen wollen.
Architektur und Sehenswürdigkeiten
Äußerlich wirkt die Mimar-Sinan-Moschee fast wie ein Lehrbuchbeispiel klassischer osmanischer Typologie: ein quadratischer Gebetsraum, gekrönt von einer zentralen Kuppel, die auf Halbkuppeln und einem System von Strebepfeilern ruht. Hilmi Şenalp stützte sich eindeutig auf die Formensprache des 16. Jahrhunderts, setzte diese jedoch mit Mitteln der modernen Technik um – mit einem Stahlbetonskelett, das im Inneren einer Steinhülle verborgen ist.
Zentrale Kuppel und Minarette
Das dominierende Element des Komplexes ist die 42 Meter hohe zentrale Kuppel. Diese Zahl ist bewusst an die Maße historischer Sultansmoscheen angelehnt, damit die neue Moschee vom Betrachter als Teil derselben Serie wahrgenommen wird. Zwei Minarette ragen 72 Meter in die Höhe und zeichnen die Silhouette des Gebäudes vor dem Hintergrund der Wolkenkratzer von Atasehir nach. Außen sind die Wände mit hellem Stein verkleidet, und der Rhythmus der Fenster unter dem Gesims sowie die Arkaden wiederholen die für die Sinan-Schule charakteristischen Proportionen.
Gebetsraum für 10.000–12.500 Personen
Im Inneren der Mimar-Sinan-Moschee finden gleichzeitig 10.000 bis 12.500 Gläubige Platz – dies ist hinsichtlich der Kapazität mit den größten historischen Moscheen Istanbuls vergleichbar. Der geräumige Gebetssaal wird durch Fenster am Fuß der Kuppel beleuchtet, und an einem klaren Mittag zeichnet das Sonnenlicht auf dem Teppich ein komplexes Netz aus Schatten der Bögen. Mihrab und Minbar sind in traditionellen Formen gestaltet, und die großen runden „Leva“ mit Kalligraphie am Rand verweisen eindeutig auf die Hagia Sophia und die Süleymaniye.
Unterirdischer Komplex: Bibliothek, Unterrichtsräume und mehr
Der ungewöhnlichste Teil des Projekts bleibt dem Blick verborgen – es ist ein riesiger unterirdischer Raum unter der Moschee und ihrem Innenhof. Darin befinden sich eine Bibliothek, Unterrichtsräume, Konferenzsäle, Verkaufsräume, eine Garage und ein VIP-Saal. Im Grunde handelt es sich nicht nur um eine Moschee, sondern um ein Kultur- und Bildungszentrum: Gläubige kommen zum Gebet, und an Wochentagen finden in den unterirdischen Sälen Vorträge und Ausstellungen statt. Diese Vielschichtigkeit ist eine Fortsetzung der osmanischen Idee des „Külliye“, bei der die Moschee zum Kern eines Stadtviertels mit Medrese, Hamam, Speisesaal und Krankenhaus wurde.
Hof und Außenbereich
Vor der Moschee erstreckt sich ein weitläufiger, gepflasterter Innenhof mit einem Brunnen für die Waschungen, umgeben von einer Arkade. Von hier aus bietet sich der beste „Postkartenblick“ auf die Kuppel und die Minarette, besonders eindrucksvoll bei Sonnenuntergang, wenn der Stein in Rosatönen erstrahlt. Der Innenhof dient auch als öffentlicher Platz: An großen Feiertagen nehmen die Gläubigen sowohl ihn als auch das angrenzende Gelände ein.
Dialog mit den Wolkenkratzern von Atasehir
Eine besondere künstlerische Herausforderung des Projekts bestand darin, die „Klassik“ in ein Viertel einzufügen, das bis Anfang der 2000er Jahre wie ein staubiger Vorort aussah und sich heute in einen dichten Wald aus Glastürmen verwandelt hat. Die benachbarten Wolkenkratzer ragen höher als die Minarette, und der Kontrast zwischen kaltem Glas und warmem Stein ist deutlich zu erkennen, besonders von den Überführungen der umliegenden Autobahnen aus. Die Kuppel der Mimar-Sinan-Moschee fungiert in dieser Umgebung fast wie ein semantischer Anker: Vor dem Hintergrund der korporativen Hochhäuser erinnert sie an eine andere Zeitskala, in der Gebäude Jahrhunderte überdauern. Der Architekt verzichtete bewusst auf jegliche „Hightech“-Elemente an der Fassade – kein Glas, Metall oder Beton zur Schau. Die gesamte äußere Gestaltung unterstreicht die Wiedererkennbarkeit der osmanischen Tradition, sodass Passanten nicht darüber nachdenken müssen, ob sie vor einem Bauwerk aus dem 16. oder 21. Jahrhundert stehen.
Interessante Fakten und Legenden
- Der ursprüngliche Projektname der Moschee lautete „Ulu Anadolu Camisi“ – „Große Anatolische Moschee“; der Name Mimar Sinan tauchte bereits während der Bauphase auf, auf persönlichen Beschluss von Recep Tayyip Erdogan.
- Die Moschee trägt den für das 21. Jahrhundert seltenen Status einer „Selatin“ – einer sultanischen Reichsmoschee. Erdogan betonte, dass es auf der asiatischen Seite Istanbuls bisher noch kein solches Bauwerk gegeben habe.
- Bei der Eröffnungsfeier im Jahr 2012 wurden ausländischen Gästen Miniaturmodelle des Gebäudes überreicht – eine bewusste Nachahmung eines osmanischen Hofrituals, bei dem die Sultane den Wesiren und Botschaftern verkleinerte Kopien neuer Selatin-Moscheen überreichten.
- Der Architekt Hilmi Şenalp ist auf den „neo-osmanischen“ Stil spezialisiert und hatte vor Atasehir bereits an mehreren großen Moscheen in der Türkei und im Ausland gearbeitet, wobei er die Formensprache der Sinan-Schule mit Hilfe moderner Technologien konsequent weiterentwickelte.
- Die unterirdische Ebene des Komplexes ist flächenmäßig mit dem Gebetsraum selbst vergleichbar: Neben einer Bibliothek und Hörsälen ist unter der Moschee ein vollwertiges Parkhaus vorgesehen, was bei historischen Gebäuden in Istanbul fast nie anzutreffen ist.
Anfahrt
Die Mimar-Sinan-Moschee befindet sich im Stadtteil Atasehir, im geschäftlichen Zentrum der asiatischen Seite Istanbuls, unweit der Kreuzung wichtiger Autobahnen. Die bequemste Anfahrt vom europäischen Teil der Stadt ist mit der U-Bahn: Die Linie M4 von Kadıköy fährt bis zur Station Atatürk Mahallesi-İhsan Şenocak, von dort sind es etwa 10–15 Minuten zu Fuß oder eine Haltestelle mit dem Nahverkehrsbus zur Moschee. Vom Stadtteil Taksim aus kann man zunächst nach Kabataş hinunterfahren, mit der Fähre nach Kadıköy übersetzen und dann in die U-Bahn umsteigen.
Vom Flughafen Sabiha Gökçen (SAW) nach Ataşehir sind es etwa 20–25 Minuten mit dem Taxi oder dem Havabus-Bus nach Kadıköy mit Umsteigen in die U-Bahn. Vom Flughafen Istanbul (IST) dauert die Fahrt länger: etwa eine Stunde mit der U-Bahnlinie M11, dann die Überfahrt über den Bosporus und weiter mit der U-Bahnlinie M4. Autofahrer haben fast keine Parkplatzprobleme – in der Tiefgarage des Komplexes stehen Hunderte von Stellplätzen zur Verfügung, was die Moschee von den historischen Gebäuden in Sultanahmet unterscheidet. Wenn Sie mit dem Taxi fahren, reicht es, dem Fahrer „Atasehir, Mimar Sinan Camii“ zu nennen – Apps wie BiTaksi und iTaksi kennen die Adresse. Bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel hilft die App İBB CepTrafik oder Citymapper: Sie zeigen die Fahrpläne von U-Bahn und Bussen auf der asiatischen Seite in Echtzeit an.
Tipps für Reisende
Die beste Reisezeit ist der Frühling (April–Mai) und der Herbst (September–Oktober): Die Sonne scheint mild, und die Silhouette der Moschee sieht vor dem Hintergrund des klaren Himmels besonders schön aus. Im Sommer ist es in Atasehir aufgrund des Geschäftsverkehrs heiß und staubig, und im Winter macht der Wind vom Marmormeer einen Spaziergang durch den Innenhof ziemlich kühl. Planen Sie für die Besichtigung etwa 60–90 Minuten ein: Das reicht aus, um den Innenhof zu durchqueren, in der Gebetshalle zu verweilen und die Proportionen von außen zu bewundern. Wenn Sie zufällig auf eine öffentliche Veranstaltung in der unterirdischen Bibliothek oder im Konferenzsaal stoßen, benötigen Sie mehr Zeit – aber das ist schon ein anderes Szenario.
Die Besuchsregeln entsprechen den Standards für jede aktive Moschee in der Türkei. Frauen müssen Kopf, Schultern und Knie bedecken; am Eingang liegen in der Regel kostenlose Tücher bereit. Für Männer sind Shorts, die über dem Knie enden, nicht geeignet. Die Schuhe werden vor dem Eingang ausgezogen und auf einem Regal abgestellt oder in einer Tüte mitgenommen. Versuchen Sie, außerhalb des Freitagsmittagsgebets und der fünf täglichen Gebete zu kommen: Zu diesen Zeiten ist die Besichtigung für Touristen eingeschränkt, und an großen Feiertagen steht die Moschee vollständig den Gläubigen zur Verfügung. Fotografieren ist erlaubt, jedoch ohne Blitz und möglichst nicht auf die Betenden gerichtet.
Wenn Sie mit Kindern reisen, ist diese Moschee praktischer als viele historische: Im Inneren gibt es viel Platz, keine Touristenmassen mit Reiseleitern, und der Innenhof eignet sich für eine kurze Verschnaufpause. Nehmen Sie Wasser und einen kleinen Snack mit – in der Nähe gibt es sowohl Kettencafés im Geschäftsviertel als auch kleine Lokale mit hausgemachter türkischer Küche. Architekturliebhabern empfiehlt es sich, ein Fernglas oder ein gutes Zoomobjektiv mitzunehmen: Die feinen Details der Kalligraphie unter der Kuppel und die Schnitzereien rund um den Mihrab sind nur bei Vergrößerung zu erkennen. Ein nützlicher Tipp: Laden Sie sich vorab eine Offline-Karte von Atasehir herunter: Der Empfang in der U-Bahn-Unterführung ist oft instabil, und die Orientierungspunkte in diesem Viertel sind nicht so offensichtlich wie in Sultanahmet.
Für russischsprachige Reisende ist es praktisch, den Besuch hier mit einem Spaziergang durch Kadıköy und entlang der Uferpromenade des Marmarameers zu verbinden: Das Viertel ist ganz anders als das touristische Sultanahmet und vermittelt das Gefühl des „lebendigen“ Istanbuls ohne Postkartenklischees. Wenn Sie bereits die Süleymaniye- und die Selimiye-Moschee in Edirne gesehen haben, bildet die Mimar-Sinan-Moschee den logischen Abschluss einer einzigartigen Trilogie: ein Klassiker aus dem 16. Jahrhundert, ein spätes Meisterwerk Sinans selbst und dessen moderne künstlerische Nachbildung, die bereits im 21. Jahrhundert entstanden ist. Dies ist eine seltene Gelegenheit zu sehen, wie die lebendige osmanische Tradition direkt vor Ihren Augen fortgesetzt wird.