Die Alte Moschee (Mersin) – der erste Minarett der Hafenstadt an der Mittelmeerküste
Im Herzen des Handelsviertels von Mersin, inmitten des Trubels der Straßenstände und des Dufts frischer Gewürze, steht die Alte Moschee (Mersin) – die älteste noch genutzte Moschee der Stadt. Die niedrige Silhouette mit einem hölzernen Satteldach anstelle der gewohnten Kuppel zieht den Blick eines Touristen, der an die grandiosen Bauwerke des kaiserlichen Istanbuls gewöhnt ist, nicht sofort auf sich. Doch gerade die Bescheidenheit dieses Gebäudes macht es zu etwas Besonderem: Die Alte Moschee (Mersin) ist ein lebendiges Zeugnis jener Zeit, als Mersin noch ein ganz kleines Küstenstädtchen war und nicht der drittgrößte Hafen der Türkei gemessen am Frachtumschlag. Die 1870 auf Geheiß von Sultan Abdülaziz erbaute Moschee bewahrt in ihren Mauern Geschichte und architektonische Einzigartigkeit, die sie von anderen Sakralbauten an der Küste abhebt.
Geschichte und Herkunft der Alten Moschee (Mersin)
Im 19. Jahrhundert war Mersin eine kleine Siedlung am Mittelmeer. Der Küstenstreifen, auf dem sie lag, gehörte dem Waqf – einem religiösen Stiftungsfonds – von Besmiyal Sultan, der Mutter von Sultan Abdulmejid. Ein Waqf ist eine Form unveräußerlichen gemeinnützigen Eigentums im islamischen Recht, das in seiner Bedeutung europäischen religiösen Stiftungen oder Klosterbesitzern ähnelt.
In den 1860er Jahren bestieg ein neuer Sultan den Thron – Abdülaziz, der Stiefsohn seiner Stiefmutter Besmiyal Sultan. Er beschloss, das Andenken an die Gründerin des Waqfs zu verewigen, indem er ihr zu Ehren eine Moschee und einen Brunnen errichten ließ. Der Bau des Brunnens mit Wasserleitung wurde 1865 abgeschlossen; fünf Jahre später, im Jahr 1870, wurde auch die Moschee fertiggestellt. Beide Bauwerke trugen ursprünglich den Namen Besmial Sultan – nach der Stifterin des Waqfs. Im Laufe der Zeit verdrängte der inoffizielle Name „Eski Cami“ – die Alte Moschee – den offiziellen Namen, da sie zur ältesten ununterbrochen genutzten muslimischen Kultstätte der Stadt geworden war.
In den anderthalb Jahrhunderten ihres Bestehens wurde die Moschee dreimal grundlegend renoviert: in den Jahren 1901, 1943 und 2008. Jede dieser Renovierungen hauchte dem Gebäude neues Leben ein und bewahrte dabei sein ursprüngliches Erscheinungsbild. Die Moschee überstand alle historischen Umwälzungen – den Wandel Mersin von einem kleinen Fischerdorf zur größten Hafenstadt der Region, zwei Weltkriege sowie die Zeit der Befreiung von der französischen Besatzung Anfang der 1920er Jahre. Heute, umgeben von modernen Verwaltungsgebäuden, scheint sie die Erinnerung an alle Generationen von Stadtbewohnern zu bewahren, die hierher zum Gebet kamen.
Architektur und Sehenswürdigkeiten
Die Alte Moschee (Mersin) ist ein kleines, aber architektonisch bemerkenswertes Gebäude, das sich deutlich vom kanonischen Istanbuler Stil unterscheidet. Das Hauptmerkmal fällt sofort ins Auge: Anstelle der traditionellen Kuppel ist die Moschee mit einem hölzernen Satteldach bedeckt. Dieses Element ist charakteristisch für die osmanische Provinzarchitektur des 19. Jahrhunderts in Regionen, in denen es keine lokalen Traditionen des Kuppelbaus gab.
Umfang und Grundriss
Das Gebäude hat einen rechteckigen Grundriss. Die Gesamtfläche der Moschee beträgt zusammen mit dem Narthex (Vorhalle) und dem Innenhof etwa 600 Quadratmeter – vergleichbar mit einer kleinen orthodoxen Kirche. Dies zeigt sehr deutlich, wie bescheiden Mersin zum Zeitpunkt des Baus war: Das im Auftrag des Sultans selbst errichtete Gebäude erinnert in seiner Größe keineswegs an die Palastmoscheen Istanbuls.
Mihrab und Innenraum
Im Inneren der Moschee befindet sich der Mihrab – eine Nische, die die Richtung nach Mekka anzeigt – in einer Wandnische. Das Innere ist schlicht: Holzdeckenkonstruktionen, Kalkwände, schmale Fensteröffnungen. Das durch die kleinen Fenster einfallende Licht schafft im Inneren eine ruhige, besinnliche Atmosphäre, die zum Gebet einlädt. Nichts Prunkvolles – ein typischer Stil der Provinzmoscheen der späten Tanzimat-Ära.
Minarett
Die Moschee ist einturmig: Sie besitzt einen einzigen Minarett. Seine schlichten Proportionen entsprechen dem allgemeinen Geist des Gebäudes – keine Überflüssigkeiten, strenge Funktionalität. Der Minarett ist im für osmanische Bauten des 19. Jahrhunderts charakteristischen Stil ausgeführt.
Der Şavırvan-Brunnen
Ein untrennbarer Bestandteil des Komplexes ist der Şavırvan-Brunnen – erbaut im Jahr 1865, fünf Jahre vor der Moschee selbst. Seine Besonderheit besteht darin, dass er sich im Gegensatz zu den meisten Moscheebrunnen für die rituelle Waschung nicht im Innenhof der Moschee befindet, sondern zur Urai-Straße auf der Südseite des Gebäudes hin ausgerichtet ist. Der Brunnen ist erhalten geblieben und fungiert heute als Teil des städtischen Raums.
Städtische Umgebung
Die Moschee steht im Geschäftsviertel von Mersin an der belebten Uray-Straße. 200 Meter östlich befindet sich das Gebäude der Provinzverwaltung, 400 Meter südwestlich das Rathaus. Trotz der Nachbarschaft zu modernen Verwaltungsgebäuden geht die Moschee nicht unter: Ihre schlichte Silhouette mit dem Minarett hebt sich deutlich vom städtischen Baubild ab.
Interessante Fakten und Legenden
- Ein hölzernes Satteldach anstelle einer Kuppel ist eine architektonische Seltenheit bei Moscheen, die im Auftrag des Herrschers errichtet wurden. Die meisten Sultansmoscheen des Reiches zeichneten sich durch majestätische Kuppeln aus. Die bescheidene Größe der Alten Moschee (Mersin) spricht Bände darüber, was für ein unbedeutender Provinzort Mersin im Jahr 1870 war.
- Die Moschee wurde zum Gedenken an Besmiyal Sultan – die Mutter von Abdulmejid und Stiefmutter von Abdulaziz – erbaut. Der nach ihr benannte Waqf besaß den gesamten Küstenstreifen, auf dem das heutige Mersin liegt. Solche Waqfs dienten gleichzeitig als Instrument der Wohltätigkeit und der Sicherung von Landbesitz.
- Die Moschee wurde in den letzten 150 Jahren dreimal renoviert – 1901, 1943 und 2008 –, behielt dabei jedoch ihr ursprüngliches Aussehen bei. Die letzte Restaurierung im Jahr 2008 war die umfangreichste und umfasste die Verstärkung der Holzkonstruktionen des Dachstuhls.
- Der Şavırvan-Brunnen neben der Moschee ist einer der wenigen in der Stadt, der mit seiner Fassade direkt an die Straße grenzt und nicht im Innenhof versteckt ist. Dies ist eine untypische Lösung für die islamische Sakralarchitektur und spiegelt die Besonderheiten der Stadtplanung Mersins im 19. Jahrhundert wider.
Anreise
Mersin wird vom Flughafen Adana (ADA) angeflogen – die Entfernung beträgt etwa 65 km, die Fahrt dauert mit dem Bus oder Taxi etwa eine Stunde. Von Istanbul und Ankara gibt es Direktflüge nach Adana. Vom Busbahnhof Mersin gelangt man bequem mit dem Stadtbus oder Taxi ins Stadtzentrum; die Fahrt dauert 10–15 Minuten.
Die Alte Moschee (Mersin) befindet sich im Geschäftsviertel in der Uray-Straße. GPS-Koordinaten: 36.7984° N, 34.6302° O. Zu Fuß von der Uferpromenade von Mersin aus sind es etwa 10–15 Minuten. Öffentliche Verkehrsmittel: Die meisten Stadtlinien führen durch das Zentrum. Die Moschee ist außerhalb der Gebetszeiten für Besucher geöffnet, der Eintritt ist frei; während des Gebets wird Touristen empfohlen, sich ruhig zu verhalten und die Kleiderordnung zu beachten.
Tipps für Reisende
Die Moschee ist täglich geöffnet. Ein Besuch ist jederzeit außerhalb der Gebetszeiten möglich – es ist ratsam, die Gebetszeiten zu vermeiden. Frauen wird empfohlen, ein Kopftuch mitzuführen; Shorts und freiliegende Schultern sind unerwünscht.
In der Nähe befinden sich weitere Sehenswürdigkeiten: das Historische Museum von Mersin, die Uferpromenade mit Spazierweg und die Basarstraße. Mersin ist ein idealer Ausgangspunkt für Tagesausflüge nach Tarsus (30 km östlich), wo sich die St.-Paulus-Kirche, die Alte Moschee und andere Sehenswürdigkeiten befinden, oder nach Westen – zur Burg Mamure und nach Silifke.
Wenn Sie vorhaben, mehrere Sehenswürdigkeiten in Mersin an einem Tag zu besichtigen, benötigen Sie für die Alte Moschee 20–30 Minuten, einschließlich eines Spaziergangs durch das Einkaufsviertel und der Besichtigung des Şavırvan-Brunnens. Die beste Tageszeit zum Fotografieren ist der Morgen, wenn das Seitenlicht die Struktur der Fassade und des Minaretts gut zur Geltung bringt. Verbinden Sie Ihren Besuch mit einem Bummel über den lokalen Markt – das Einkaufsviertel rund um die Alte Moschee (Mersin) bewahrt den Geist einer alten Mittelmeerstadt.