Friedrich-Barbarossa-Denkmal: Wo der Kreuzzug endete
Am Ufer des Flusses Göksu, 9 Kilometer westlich von Silifke, steht ein bescheidenes Denkmal mit einer zweisprachigen Inschrift – auf Deutsch und Türkisch. Das Friedrich-Barbarossa-Denkmal markiert den Ort, an dem am 10. Juni 1190 der Lebensweg eines der mächtigsten Herrscher des mittelalterlichen Europas endete – des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Friedrich I. Barbarossa. Er führte eine riesige Armee in den Dritten Kreuzzug und war seinem Ziel bereits nahe, als die Überquerung eines kleinen Gebirgsflusses alles zunichte machte. Das Friedrich-Barbarossa-Denkmal ist heute ein Ort der historischen Erinnerung, ein Wallfahrtsort für deutsche Touristen und eine ruhige Ecke am Fluss, an der man die Geschichte ganz anders spürt als in den Museumsräumen.
Geschichte und Entstehung des Friedrich-Barbarossa-Denkmals
Friedrich I. Barbarossa ist eine der Schlüsselfiguren des mittelalterlichen Europas. Als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches seit 1155 regierte er fast vier Jahrzehnte lang und machte das Reich zur dominierenden Macht Mitteleuropas. Den Beinamen „Barbarossa“ – „Rotbart“ – erhielt er von den Italienern wegen der charakteristischen Farbe seines Bartes. Zum Zeitpunkt des Dritten Kreuzzugs war er etwa 67–70 Jahre alt – nach den Maßstäben des 12. Jahrhunderts ein Mann in hohem Alter –, und dennoch führte er die Armee persönlich an.
Der Dritte Kreuzzug (1189–1192) wurde als Reaktion auf die Eroberung Jerusalems durch Saladin im Jahr 1187 organisiert. An ihm nahmen drei große Monarchen teil: Friedrich Barbarossa, der französische König Philipp II. August und der englische König Richard I. Löwenherz. Barbarossa wählte eine Landroute über den Balkan und Anatolien und führte eine mehrere tausend Mann starke Armee mit sich – eine der größten, die jemals in Westeuropa für einen Feldzug in den Osten aufgestellt wurde.
Der Weg durch Anatolien erwies sich als strapaziös. Der seldschukische Sultan Kılıçarslan II. gewährte freien Durchzug – eine Gedenkinschrift berichtet genau von diesem „Freundschaftsvertrag“. Die Armee durchquerte den größten Teil der Halbinsel und war bereits in Kilikien eingedrungen, als sie im Juni 1190 vor dem Fluss Saleph Halt machte – jenem Fluss, der heute Göksu heißt.
Es gibt mehrere Versionen darüber, was genau am 10. Juni 1190 geschah. Einer davon zufolge ertrank Barbarossa beim Durchwaten des Flusses: Sein Pferd rutschte aus, und der betagte Kaiser konnte in voller Rüstung nicht ans Ufer schwimmen. Einer anderen zufolge stürzte er vom Pferd und wurde von der Strömung mitgerissen. Die historischen Quellen unterscheiden sich in den Details, sind sich aber in einem Punkt einig: Der große Kreuzritter kam in den Fluten eines kleinen Gebirgsflusses auf dem Weg nach Jerusalem ums Leben.
Barbarossas Tod wurde zur Katastrophe für den Feldzug: Der größte Teil seiner Armee kehrte um oder zerstreute sich. Nur ein kleiner Trupp setzte den Weg auf dem Seeweg fort und schloss sich den Truppen Richards und Philipps an. Die Region stand zu dieser Zeit faktisch unter der Kontrolle des armenischen Königreichs Kilikien – und nicht des Seldschuken-Sultanats, wie aus der Gedenkinschrift hervorgeht.
Der erste Gedenkstein am Ort des Untergangs wurde 1971 von der deutschen Botschaft aufgestellt. Im Jahr 2012 wurde an der Landstraße D715 ein größeres Denkmal mit einer lebensgroßen Statue des Kaisers eingeweiht. Dessen Standort wurde persönlich vom deutschen Botschafter Prof. Pascal Hector bestimmt. Doch bereits ein Jahr nach der Einweihung verschwand die Statue – nur der Sockel blieb zurück. Die Umstände des Verschwindens sind offiziell nicht geklärt.
Architektur und Sehenswürdigkeiten
Sockel und Inschrift
Heute besteht das Denkmal aus einem Sockel aus behauenem Stein, auf dem früher die Statue des Kaisers stand. Die zweisprachige Inschrift (Deutsch und Türkisch) gibt den Text der Tafel von 1971 wieder: „Kaiser Friedrich Barbarossa des Heiligen Römisch-Deutschen Reiches, der mit dem seldschukischen Sultan Kılıçarslan II. ein Freundschaftsabkommen über freien Durchzug geschlossen hatte, ertrank im Fluss Göksu unweit dieses Ortes, als er mit seinem Heer nach Palästina zog.“ Die Inschrift enthält eine historische Ungenauigkeit (die Region gehörte damals zu Armenien und nicht zu den Seldschuken), vermittelt jedoch eine versöhnliche Botschaft.
Blick auf den Fluss Göksu und das Dorf Ekşiler
Das Denkmal steht auf einer Anhöhe, von der aus man einen Blick auf das Tal des Flusses Göksu und das Dorf Ekşiler am gegenüberliegenden Ufer hat. Der Fluss ist hier nicht breit, hat eine schnelle Strömung und klares Bergwasser – es ist kaum zu glauben, dass dieser unscheinbare Bach den Lauf der mittelalterlichen Geschichte verändert hat. Die Landschaft ist typisch für die Provinz Mersin: niedrige Berge, Olivenhaine, die weiß getünchten Häuser des Dorfes. In der Nähe verläuft die belebte Bundesstraße D715.
Historischer Blickwinkel: die Festung von Silifke
9 Kilometer östlich liegt Silifke – eine Stadt mit antiken Wurzeln und einer gut erhaltenen mittelalterlichen Festung auf einem Hügel. Ein Besuch der Festung von Silifke lässt sich gut mit dem Gedenkmuseum verbinden: Hier kann man sehen, wie das verteidigte Gebiet aussah, durch das Barbarossas Armee zog. In der Stadt gibt es auch ein recht gutes archäologisches Museum.
Interessante Fakten und Legenden
- Barbarossas Tod in einem kleinen Gebirgsfluss hat in Deutschland eine ganze kulturelle Tradition hervorgebracht. Einer in spätmittelalterlichen Chroniken festgehaltenen Legende zufolge ist Barbarossa nicht gestorben, sondern schläft im Kyffhäusergebirge in Thüringen und wird erwachen, wenn Deutschland in Gefahr ist. Sein Tod am Fluss Göksu wird dabei als Schlaf und nicht als Tod interpretiert.
- Die 2012 feierlich eingeweihte Barbarossa-Statue verschwand bereits ein Jahr später – ihr Verbleib ist offiziell nicht geklärt. Dieses rätselhafte Ende verleiht dem Denkmal eine besondere historische Ironie.
- Der lokale Historiker Dr. Mustafa Erim schlug vor, neben dem Denkmal eine Statue des in der Inschrift erwähnten seldschukischen Sultans Kılıçarslan II. aufzustellen – als Symbol des türkisch-deutschen historischen Dialogs.
- Der Dritte Kreuzzug endete trotz Barbarossas Tod mit der Unterzeichnung eines Vertrags in Jaffa: Jerusalem blieb bei Saladin, doch den Christen wurde die Pilgerfahrt in die Heilige Stadt gestattet.
- Der Text der Gedenkinschrift enthält eine historische Ungenauigkeit: Im Jahr 1190 wurde die Region vom armenischen Königreich Kilikien kontrolliert und nicht vom Seldschuken-Sultanat. Diese Korrektur wird auch von den Autoren des Wikipedia-Artikels festgehalten.
Anfahrt
Das Friedrich-Barbarossa-Denkmal befindet sich an der Landstraße D715, etwa 9 Kilometer westlich von Silifke in der Provinz Mersin. Der nächstgelegene größere Flughafen ist Adana Sakirpasa (ADA), von dem aus man über die D400 in westlicher Richtung und anschließend über die D715 in südlicher Richtung etwa 100–110 km bis nach Silifke fährt.
Mit dem Auto von Adana oder Mersin: Folgen Sie der D400 bis zur Abzweigung nach Silifke, dann der D715 in Richtung Taşucu. Das Denkmal ist rechts von der Straße, oberhalb des Flusses, zu sehen. Es gibt keine offiziellen Parkplätze – man parkt am Straßenrand.
Von Silifke aus ist das Denkmal mit dem Taxi (10–15 Minuten) oder mit dem Minibus in Richtung Taşucu zu erreichen. Öffentliche Verkehrsmittel von Adana nach Silifke verkehren regelmäßig – mehrmals täglich vom Busbahnhof (otogar). Silifke ist durch direkte Busverbindungen mit Mersin und Adana verbunden.
Tipps für Reisende
Ein Besuch der Gedenkstätte dauert nicht länger als 20–30 Minuten und lässt sich gut mit einer Besichtigung von Silifke verbinden: Hier gibt es eine Festung aus dem 12. Jahrhundert, antike Ruinen und ein kleines Museum. Wenn Sie Zeit haben, fahren Sie weiter westlich entlang der Küste – nach einigen Kilometern beginnt die Küste von Mersin mit den Badeanstalten bei Kızkalesi.
Die beste Reisezeit ist im Frühling und Herbst. Im Sommer ist es im Göksu-Tal heiß, und die Autobahn D715 ist stark vom Touristenverkehr belastet. Im Winter ist die Gedenkstätte geöffnet, aber die Straße kann nach Regenfällen rutschig sein.
Für deutsche Touristen hat dieser Ort eine besondere historische Bedeutung – eine Art Pilgerreise auf den Spuren des Dritten Kreuzzugs. Für russischsprachige Reisende ist die Gedenkstätte als seltener Schnittpunkt der westeuropäischen mittelalterlichen Geschichte mit dem türkischen Mittelmeerraum interessant: ein Ort, an dem ein grandioser Plan auf die Gleichgültigkeit der Natur traf. Das Friedrich-Barbarossa-Denkmal ist kein monumentales Bauwerk, doch seine symbolische Bedeutung steht in keinem Verhältnis zur Größe des Denkmals selbst.