Balyklygöl – Abrahams heiliger Teich im Herzen von Şanlıurfa
Es gibt in Şanlıurfa einen Ort, an dem sich Geschichte und Legende so eng verflechten, dass sie untrennbar miteinander verbunden sind. Balyklygöl – „See mit Fischen“ – sind zwei Teiche im südwestlichen Teil des Stadtzentrums, in denen seit Jahrtausenden Karpfen leben, die als heilig gelten. Jedes Jahr kommen Zehntausende von Pilgern und Touristen hierher: die einen, um die Fische zu füttern und einen Segen zu erhalten, die anderen, um den Ort zu berühren, an dem der Überlieferung zufolge eines der dramatischsten Ereignisse der biblischen Geschichte stattfand. Balyklygel birgt vielschichtige Bedeutungen – heidnische, jüdische, christliche, islamische – und sie alle leben hier nebeneinander, wie jene Sazan-Karpfen im grünen Wasser der Teiche.
Geschichte und Ursprung von Balyklygel
Der Ort, an dem sich heute Balyklygel befindet, wurde schon lange vor dem Aufkommen schriftlicher Quellen verehrt. Eine in der Umgebung des Teiches gefundene Statue wurde auf die vorkeramische Neolithikum-Zeit datiert – etwa 8000–9000 Jahre vor unserer Zeitrechnung. Dies macht Balyklygel zu einem der ältesten ununterbrochen verehrten Orte auf dem Planeten, obwohl sich Form und Inhalt der Verehrung im Laufe der Jahrtausende mehrfach gewandelt haben.
In der hellenistischen Epoche, als die Stadt von den Truppen Alexanders des Großen erobert und vom Feldherrn Seleukos I. in Edessa umbenannt wurde, wurden die Teiche Teil des Kultes der syrischen Göttin Atargatis. Die Göttin wurde in Syrien, im Levante und in Mesopotamien verehrt; ein besonderes Merkmal ihrer Heiligtümer waren heilige Teiche mit Fischen, die man weder fangen noch essen durfte. Die Verbindung von Balyklygöl mit diesem Kult wird durch den türkischen Namen untermauert: balıklı bedeutet „fischreich“, göl – „See“. Die Fische waren damals unantastbar – und sind es auch heute noch.
In der Spätantike wurde der Ort durch die Brille der Geschichte Abrahams neu interpretiert. Als erste schriftliche Quelle gilt die jüdische Haggada aus dem 1. Jahrhundert n. Chr., die Pseudo-Philo zugeschrieben wird und in der der Versuch Nimrods beschrieben wird, Abraham lebendig zu verbrennen. Später fand diese Geschichte Eingang in die rabbinische Literatur – insbesondere in die „Bereschit Rabba“. Die Verwirrung entstand aufgrund der klanglichen Ähnlichkeit des altjüdischen Wortes „or“ („Feuer, Flamme“) mit dem Namen der Stadt Ur in Chaldäa: Viele Kommentatoren interpretierten die Worte aus dem Buch Genesis „Ich habe dich aus Ur in Chaldäa herausgeführt“ als Hinweis auf das Feuer und nicht auf die Stadt und brachten dies mit Urfa in Verbindung.
Die christliche Pilgerin Egeria, die Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr. Edessa besuchte, beschrieb Teiche mit beeindruckenden Fischen – „von solcher Größe, so farbenprächtig und von so gutem Geschmack, wie ich sie noch nie zuvor gesehen habe“. Doch sie verband ihre Entstehung nicht mit Abraham, sondern mit einer späteren Geschichte: Nach den Worten des örtlichen Bischofs sprudelten die Quellen auf wundersame Weise, als die Perser während der Belagerung versuchten, die Wasserversorgung der Stadt zu unterbrechen.
In der islamischen Tradition hat sich die Geschichte von Abraham und Nimrod besonders fest verankert. Der Überlieferung zufolge warf Nimrod, erzürnt über Abrahams Weigerung, Götzen anzubeten, ihn in ein riesiges Feuer, doch Gott verwandelte das Feuer in Wasser und das Brennholz in heilige Karpfen. So entstand der Halil-ür Rahman Gölü (Halil-ür-Rahman-See); der benachbarte Teich Aynzeliha entstand aus den Tränen von Nimrods Tochter Zeliha, die sich in Abraham verliebt hatte und ihm ins Feuer sprang. Der Legende nach erblindet jeder, der Wasser aus Aynzeliha trinkt.
Das heutige Erscheinungsbild des Teichkomplexes wurde durch ein Restaurierungsprojekt geprägt, das vom Architekten Merih Karaaslan unter Beratung von Behruz Cinici entwickelt wurde. Das Projekt begann 1992, der Großteil der Arbeiten wurde bis zum Jahr 2000 abgeschlossen. Die Moscheen Halil-Rahman und Rizvaniye, die an den Teichen stehen, traten an die Stelle einer früheren Synagoge und einer Kirche.
Architektur und Sehenswürdigkeiten
Balyklygöl ist in erster Linie eine Atmosphäre und eine lebendige Tradition, nicht einzelne architektonische Meisterwerke. Dennoch konzentrieren sich am Teich mehrere bedeutende Bauwerke.
Teichkomplex: Halil-ür Rahman und Aynzeliha
Die beiden Teiche – Halil-ür Rahman (der größere Hauptteich) und Aynzeliha (ein kleinerer, daneben gelegener Teich) – liegen auf einem Plateau im südwestlichen Teil des historischen Zentrums von Şanlıurfa. Das Wasser in den Teichen hat eine charakteristische grünliche Färbung, und große Karpfen wimmeln buchstäblich an der Oberfläche, angelockt durch das Futter, das die Besucher hineinwerfen. Die Fische hier sind wirklich riesig: Seit Jahrzehnten rührt sie niemand an, und sie wachsen zu beeindruckenden Größen heran. Das Füttern der Fische ist ein Ritual, das Pilger unterschiedlichster Glaubensrichtungen vereint.
Die Halil-Rahman-Moschee und die Rizvaniye-Moschee
Am Ufer des Halil-ür Rahman stehen zwei Moscheen, die den Teich von verschiedenen Seiten einrahmen. Die Halil-Rahman-Moschee – mit ihrem weißen Minarett – ragt buchstäblich über das Wasser und bildet eines der meistfotografierten Motive von Şanlıurfa. Die Rizvaniye-Moschee mit ihren zwei schlanken Minaretten schließt das Panorama auf der anderen Seite ab. Beide Gebäude wurden in der osmanischen Zeit errichtet und ersetzten frühere Sakralbauten an derselben Stelle.
Die Abraham-Höhle (Makam-ı İbrahim)
Südöstlich der Teiche befinden sich die Moschee und die Höhle Makam-ı İbrahim – ein Ort, der in der lokalen Tradition als die Höhle gilt, in der Abraham geboren wurde. Die Höhle ist in das Felsmassiv eingearbeitet; im Inneren befinden sich ein Gebetsraum und eine kleine Quelle. Dieser Ort wird von muslimischen Pilgern besonders verehrt.
Römische Säulen auf der Akropolis
Auf der alten Akropolis von Şanlıurfa sind die Ruinen zweier römischer Säulen erhalten geblieben. Der osmanische Reisende Evliya Çelebi interpretierte sie im 17. Jahrhundert als Überreste der Katapulte Nimrods, mit der dieser Abraham angeblich ins Feuer geschleudert habe.
Interessante Fakten und Legenden
- Die in der Umgebung von Balıklıgöl gefundene Statue „Mann aus Urfa“ stammt aus der Zeit um 9000–10 000 v. Chr. und gilt als eine der ältesten naturgetreuen Skulpturen eines Menschen weltweit.
- Einer lokalen Überlieferung zufolge macht der Verzehr eines Karpfens aus dem Balıklıgöl denjenigen blind, der ihn probiert. Forscher weisen darauf hin, dass der Rogen des großen Karpfens tatsächlich giftig ist, wenn er in großen Mengen verzehrt wird – die Legende hat also eine biologische Grundlage.
- Die Verwechslung zwischen der Stadt Ur im Irak und dem „Feuer“ in den jüdischen Texten führte zu einer ganzen Kette von Umdeutungen: Ur → „Or“ (Flamme) → Urfa. Moderne jüdische Quellen erkennen an, dass das biblische Ur die irakische Stadt ist und nicht Şanlıurfa.
- Bis in die 1970er Jahre schwammen die Stadtbewohner in den Teichen und es fanden Schwimmwettkämpfe statt. Nachdem den Teichen offiziell der Status eines heiligen Ortes verliehen worden war, wurden das Baden und das Fischen verboten.
- Die Legende von Zeliha und ihren Tränen, die den benachbarten Teich Aynzeliha bildeten, ist einzigartig für Şanlıurfa – es handelt sich um eine lokale islamische Überlieferung, die in anderen Versionen der Geschichte von Abraham und Nimrod nicht vorkommt.
Anreise
Şanlıurfa verfügt über den internationalen Flughafen GAP (GNY), der Flüge aus Istanbul und Ankara abfertigt. Vom Flughafen ins Stadtzentrum sind es etwa 10 km mit dem Taxi oder dem Stadtbus. Balıklıgöl liegt im südwestlichen Teil des historischen Zentrums; vom zentralen Platz Cumhuriyet sind es zu Fuß etwa 10–15 Minuten bis zu den Teichen. Taxis in der Stadt sind günstig, Dolmusse verkehren regelmäßig.
Von anderen Städten in Südostanatolien aus ist die Anreise bequem mit dem Bus möglich: von Gaziantep aus etwa 2,5 Stunden, von Diyarbakır aus etwa 3 Stunden. Der Busbahnhof (Otogar) von Şanlıurfa ist durch Minibusse mit dem Stadtzentrum verbunden.
Tipps für Reisende
Balykli Göl ist rund um die Uhr geöffnet und kostenlos. Die beste Zeit für einen Besuch ist früh morgens oder abends: weniger Menschen, schönes Licht auf dem Wasser und den Moscheen. An Freitagen und Feiertagen ist der Teichkomplex besonders belebt – Hunderte von Pilgern kommen zum Gebet und zum Füttern der Fische.
Denken Sie daran, dass der Teichkomplex ein aktiver religiöser Ort ist. Kleiden Sie sich zurückhaltend; Frauen wird empfohlen, ein Kopftuch dabei zu haben. Fotografieren Sie Betende nicht ohne Erlaubnis aus nächster Nähe. Beim Betreten der Moscheen müssen die Schuhe ausgezogen werden.
In der Nähe der Teiche befindet sich der historische Basar von Şanlıurfa mit traditionellen Läden von Kupferschmieden, Webern und Juwelieren – ein hervorragender Ort für Souvenirs. Die lokale Küche ist ausgezeichnet: Çiğ köfte (scharfe Bulgur-Bällchen), Lahmacun und Baklava sind ein Muss.
Um die Region umfassend zu erkunden, sollten Sie den Besuch von Balıklıgöl mit einem Besuch des Şanlıurfa Arkeoloji Müzesi verbinden, in dem die Statue des „Şanlıurfa-Mannes“ aufbewahrt wird, sowie mit einem Ausflug nach Göbekli Tepe – 15 km nördlich der Stadt. Zusammen ergeben sie ein Bild der zwölftausend Jahre währenden spirituellen Suche des Menschen. Balykli Göl ist nicht nur ein Fischteich: Es ist ein lebendiges Archiv unterschiedlichster Vorstellungen von Heiligkeit, die sich über Jahrtausende hinweg übereinandergeschichtet haben.