Die Uzunköprü-Brücke – die längste Steinbrücke aus der osmanischen Zeit
Die Uzunköprü-Brücke in der Provinz Edirne im Nordwesten der Türkei besteht aus anderthalb Kilometern behauenem Kalkstein, der über den Fluss Ergene gespannt wurde, damit die osmanische Armee bei jedem Wetter von Anatolien auf den Balkan gelangen konnte. Als im Jahr 1444 Sultan Murad II., der von seinem Sieg in der Schlacht bei Varna zurückkehrte, sie zum ersten Mal überquerte, lag vor ihm die längste Steinbrücke der Welt – ein Rekord, den die Uzunköprü-Brücke im Osmanischen Reich und in der Türkei 530 Jahre lang hielt, bis zur Eröffnung der Bosporus-Brücke in Istanbul im Jahr 1973. Heute hat dieses gigantische Bauwerk aus 174 Bögen einer ganzen Stadt ihren Namen gegeben, wurde in die vorläufige Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen und durchläuft die größte Restaurierung seit dem 20. Jahrhundert, bleibt aber nach wie vor das wichtigste Symbol von Edirne nach den kaiserlichen Moscheen der Hauptstadt selbst.
Geschichte und Ursprung der Uzunköprü-Brücke
Das Tal des Flusses Ergene war jahrhundertelang ein Problem für alle, die sich von Edirne nach Gallipoli und weiter in den Balkan bewegten. Die sumpfige, mit dornigem Gestrüpp bewachsene Ebene verwandelte sich bei Hochwasser in ein unüberwindbares Hindernis, und die Räuber nutzten die Deckung im Gestrüpp gerne aus. Vor der Zeit der Osmanen gab es an dieser Stelle mehrere Holzbrücken; alle wurden schnell zerstört – mal durch Hochwasser, mal durch böswillige Handlungen. Als Sultan Murad II. einen großen Feldzug in Rumelien plante, brauchte er eine Brücke, die sowohl Überschwemmungen als auch schwere Militärtransporte aushalten würde.
Die Lösung war radikal: ein Steinbauwerk zu errichten, das so lang war, dass es nicht nur das Flussbett, sondern auch die gesamte sumpfige Aue überspannte. Die osmanischen Chronisten sind sich über die Daten uneinig, stimmen jedoch im Gesamtbild überein – Hoca Sadeddin Efendi datiert den Baubeginn auf die Jahre 1426–1427, Karachelebizade Abdülaziz Efendi nennt 1427–1428. Zum Hauptarchitekten wurde der Hofbaumeister Muslihiddin ernannt, zusammen mit dem Baumeister Mehmed. Zunächst wurden die dornigen Sträucher vom Gelände entfernt und die Zugänge freigelegt, dann wurden Steinbrüche in den umliegenden Dörfern – Yagmurja, Eskiköy und Hasırcıarnavut – angelegt, von wo aus Kalksteinblöcke herangeschafft wurden.
Die Steine wurden mit Horasan-Mörtel verbunden, der durch den Kontakt mit der Luft langsam an Festigkeit gewinnt, und dort, wo die Fußpunkte der Bögen nicht bis zum Felsuntergrund reichten, wurden Holzpfähle in den Boden gerammt. Für die Bögen fertigten die Zimmerleute hölzerne Rundschalungen an, und wenn der Fluss über die Ufer trat, musste die Schalung in spezielle Nuten eingesetzt werden – ein Vorgang, der so schwierig war, dass sich der Bau über sechzehn Jahre hinzog. In den Jahren 1443–1444 war die Brücke, die den Namen Cisr-i Ergene („Ergene-Brücke“) erhielt, endlich fertiggestellt. Am Westufer entstand das Dorf Yailar, am Ostufer die ganze Stadt Uzunköprü, wörtlich „Lange Brücke“, die der Furt ihren heutigen Namen gab. Zur feierlichen Eröffnung kam der Sultan persönlich, der nach Varna auf dem Rückweg nach Istanbul war; neben der Brücke wurden damals auch eine Moschee, ein Imaret und eine Medrese errichtet.
Architektur und Sehenswürdigkeiten
Die Zahlen von Uzunköprü beeindrucken bis heute. Bei ihrer Fertigstellung war die Brücke 1392 Meter lang und 5,24 Meter breit und stützte sich auf 174 Bögen unterschiedlicher Form – teils spitzbogig, teils halbrund, mit unterschiedlicher Höhe und Spannweite. Der größte Bogen überspannte 14 Meter. Mehrere Jahrhunderte des Umbaus und der Zerstörungen reduzierten die Anzahl der Bögen auf 172, wobei acht davon nach und nach unter der Erde verschwanden und heute 164 zu sehen sind. Die derzeitige Restaurierung soll gerade einen Teil der verschütteten Spannweiten freilegen und dem Denkmal sein ursprüngliches Aussehen zurückgeben.
Geschnitzte Figuren und seldschukische Motive
Die Hauptverzierung von Uzunköprü sind die Steinmetzarbeiten an den Pfeilern und Brüstungen. Unter den Figuren sind Elefanten, Löwen und Vögel zu erkennen; daneben finden sich Ornamente seldschukischer Tradition, die dem Kenner der osmanischen Dekorationskunst auffallen. Ein Teil der Reliefs ist verloren gegangen, ein Teil wurde bei Restaurierungen ersetzt, und so kann man heute über die Brücke wie durch ein einzigartiges Geschichtsbuch schlendern: hier ein Stein aus dem 15. Jahrhundert, dort ein späterer Block, der nach dem nächsten Erdbeben eingesetzt wurde. Der osmanische Reisende Evliya Çelebi, der 1658 in Uzunköprü weilte, beschrieb die Brücke als „zweitausend Schritte lang“ – eine alte Metapher, die sich in den lokalen Erzählungen festgesetzt hat.
Balkone und Wellenbrecher
Ein einzigartiges Detail sind zwei Balkone über dem Wasser, die das funktionale Bauwerk in einen Ort zum Flanieren verwandeln. Der eine befindet sich über den Bögen 40 und 41 und misst 3,4 mal 0,4 Meter, der andere, deutlich längere, über den Bögen 102 und 103 und ist 9,4 Meter lang. Von dort aus hat man den besten Blick auf die Flussbiegung und die Silhouette der Brücke selbst. An den Pfeilern sind sogenannte „Seljaranen“ erhalten geblieben – steinerne Wellenbrecher, die bei Hochwasser die Strömung aufbrechen und die Pfeiler vor Unterspülung schützen. Diese technische Erfindung ermöglichte es dem Bauwerk, mehrere Jahrhunderte voller Hochwasser zu überstehen.
Länge, Rekorde und Maße
Die Abmessungen der Brücke änderten sich im Zuge der Restaurierungen. Im Jahr 1978 wurde sie auf 1266 Meter gemessen, 1989 auf 1254 Meter und 2018 speziell für das Guinness-Buch der Rekorde ergaben die Messungen 1306,2 Meter. Trotz der Schrumpfung bleibt Uzunköprü die längste Steinbrücke der Welt und die längste Steinbrücke der Türkei. Ein halbes Jahrtausend lang hielt sie auch den osmanischen Rekord: Bis 1973 gab es im Land keine längere Brücke, und nur die Bosporusbrücke in Istanbul konnte sie übertreffen.
Restaurierungen im 20. und 21. Jahrhundert
Die erste bekannte Reparatur erfolgte 1546, die erste größere Restaurierung im Jahr 1620. Erdbeben und Hochwasser in den Jahren 1822–1823 ließen vier Bögen einstürzen, an deren Stelle wurden drei größere errichtet; 1901 stürzten drei weitere Bögen ein und wurden bis 1904 durch zwei neue ersetzt. Im Jahr 1908 bauten die Stadtbehörden ohne mit der Wimper zu zucken einen Teil der Steine der Brücke ab, um daraus Trinkbrunnen direkt in Uzunköprü zu errichten. Von 1964 bis 1971 verbreiterte die Hauptverwaltung für Straßenbau die Brücke um 150 Zentimeter – auf 6,80 Meter – und überdeckte sie mit einer 20 Zentimeter dicken Stahlplatte mit Betonfüllung, um den Verkehr in beide Richtungen zu ermöglichen. Dieser Umbau schuf zwar eine Unterlage für den Asphalt, entpuppte sich jedoch als langsame Katastrophe: Schwere Lastwagen zerstörten über Jahre hinweg das historische Mauerwerk, und 1993 mussten die Spalten zwischen den Steinen mit Mörtel verfüllt werden. Erst 2013, als einen Kilometer weiter eine neue Stahlbetonbrücke eröffnet wurde, wurde der Schwerlastverkehr von der historischen Brücke verbannt, und im September 2021 wurde Uzunköprü endgültig für den Autoverkehr gesperrt, um sie für drei bis vier Jahre an Bauarbeiter und Restauratoren zu übergeben.
Interessante Fakten und Legenden
- Der Name „Uzunköprü“ bedeutet wörtlich übersetzt „Lange Brücke“: Zunächst wurde die Brücke selbst so genannt, später dann das Dorf, das an ihrem östlichen Ende entstand und sich schließlich zu einer modernen Stadt entwickelte.
- Die feierliche Einweihung im Jahr 1444 fiel mit der Rückkehr Murads II. von seinem Feldzug zusammen: Der Triumph der Armee und die Inbetriebnahme der Brücke über den tückischen Ergene verschmolzen im Volksgedächtnis zu einer einzigen Geschichte, und bis heute sagt man in Edirne, dass die Uzunköprü „zusammen mit dem Sieg bei Varna gewachsen“ sei.
- Im Jahr 1718 wurde die Brücke offiziell in Kasr-i Ergene umbenannt, doch der Name setzte sich nicht durch: Bereits 1727 stellte der französische Reisende Aubry de La Motte fest, dass die Einheimischen sowohl die Stadt als auch die Brücke weiterhin mit dem alten Namen – Uzunköprü – bezeichneten.
- Im Jahr 2015 wurde die Brücke in die vorläufige Liste der UNESCO für die Nominierung als Kulturerbe aufgenommen; der Status eines vollwertigen Weltkulturerbes wurde noch nicht verliehen, aber das Verfahren wurde eingeleitet.
- Im Jahr 2018 sollte ein Bild von Uzunköprü auf der ersten Seite des neuen türkischen Reisepasses erscheinen – doch das Innenministerium druckte versehentlich daneben ein Bild der Meric-Brücke ab und ließ die Bildunterschrift „Uzunköprü“ stehen; diese kuriose Geschichte wurde sofort zu einem lokalen Meme.
Anreise
Die Brücke steht am Rande des gleichnamigen Dorfes in der Provinz Edirne, 60 Kilometer südöstlich von Edirne selbst und etwa 230 Kilometer von Istanbul entfernt. Die bequemste Anreise für russischsprachige Reisende ist, am Flughafen Istanbul (IST) anzukommen, mit U-Bahn und Bus zum Busbahnhof Esenler zu fahren und von dort einen Linienbus nach Uzunköprü zu nehmen; die Fahrt dauert etwa drei Stunden. Eine Alternative ist der Zug: Historisch gesehen ist Uzunköprü ein Grenzbahnhof vor Griechenland, und von Edirne aus fährt hierher ein Nahverkehrszug.
Mit dem Auto fährt man am einfachsten über die Autobahn O-3/E80 nach Edirne, dann weiter auf der Straße D.550 nach Süden in Richtung Keşan. Früher verlief diese Hauptstraße direkt über die historische Brücke, heute dient ihr eine neue Stahlbetonbrücke, die zwischen 2013 und 2015 einen Kilometer weiter entfernt eröffnet wurde. Am besten parkt man am Stadteingang von der alten Straße aus: Von dort sind es fünf bis zehn Minuten zu Fuß bis zu den Zugängen zur Uzunköprü. Die öffentlichen Verkehrsmittel in Uzunköprü selbst bestehen aus Dolmus-Minibussen und Kleinbussen in die umliegenden Dörfer; vom zentralen Platz aus ist die Brücke in einer Viertelstunde bequem zu Fuß zu erreichen.
Tipps für Reisende
Die beste Reisezeit ist der späte Frühling (Mai) und der frühe Herbst (September–Oktober): Das sanfte Licht fällt wunderschön auf den grau-gelben Kalkstein, und der Wasserstand des Ergene ist meist moderat, sodass die unteren Stufen der Brücke sichtbar sind. Im Sommer lohnt es sich, früh morgens oder gegen Sonnenuntergang zu fahren – tagsüber gibt es wenig Schatten, und die Ebene erwärmt sich auf 32–34 Grad. Im Winter liegt das Tal oft im Nebel; für Fotografen ist das ein Glücksfall, für Wanderer ein Grund, sich wärmer anzuziehen, denn der Wind aus den Balkanbergen ist hier schneidend.
Informieren Sie sich vor Ihrer Reise unbedingt über den aktuellen Stand der Restaurierungsarbeiten: Seit September 2021 ist die Brücke für den Verkehr gesperrt, und an einzelnen Abschnitten wird zeitweise auch der Zugang für Fußgänger eingeschränkt. Die angekündigte Dauer der Arbeiten beträgt drei bis vier Jahre, doch erfahrungsgemäß verschieben sich die Fristen bei großen osmanischen Restaurierungsprojekten. Die besten Aussichtspunkte sind der nördliche Zugang vom gegenüberliegenden Ufer des Ergene (von hier aus wurde das berühmte Foto der sich bis zum Horizont erstreckenden Bogenreihe aufgenommen) und der Hang des Hügels südöstlich der Stadt. Nehmen Sie eine Flasche Wasser, eine Kopfbedeckung und bequeme Schuhe mit: Die Zugänge zur Brücke auf beiden Seiten sind ausgetretene Pfade, die stellenweise steinig sind.
Am sinnvollsten ist es, den Besuch mit einer Reise durch das osmanische Edirne zu verbinden: Die Selimiye-Moschee von Mimar Sinan, der Bayezid-II.-Komplex, die Alte Moschee und der überdachte Basar liegen auf dem Weg von Istanbul und sind einen eigenen Tag wert. Für Liebhaber der Ingenieursgeschichte ist es interessant, Uzunköprü mit einer anderen langen osmanischen Brücke zu vergleichen – dem Schwert von Mehmed Pascha in Visegrád, das Ivo Andrić in „Die Brücke über die Drina“ beschrieben hat; die Parallele zu den literarischen Brücken des Balkans drängt sich hier geradezu auf. Und vor allem: Man sollte sich diese Brücke ohne Eile nähern. Die Uzunköprü verlangt nicht, dass man mit der Kamera darüber rennt – sie offenbart sich demjenigen, der innehält, die Bögen zählt und versucht sich vorzustellen, wie sich sechzehn Jahre lang auf diesem Sumpf eine anderthalb Kilometer lange Steinstraße in Richtung Balkan erhob.