Der Kleine Olymp – der legendäre Berg der Mönche und Skifahrer oberhalb von Bursa
Wenn man von Bursa aus nach Süden blickt, ist der Horizont dort nicht flach – er steigt steil an und endet in einer 2543 Meter hohen Schneekappe. Das ist der Kleine Olymp, auf Türkisch Uludağ, „der Große Berg“. Die Griechen nannten ihn Olymp von Bithynien oder Mysien, und genau dorthin zogen sich orthodoxe Mönche zurück, die schon seit der Zeit Diokletians nach Einsamkeit suchten. Später erklang hier das Lachen der Skifahrer, doch die jahrhundertealten Klosterruinen liegen bis heute versteckt in den Falten der Nadelwälder. Der Kleine Olymp ist der höchste Gipfel ganz Westanatoliens und der Marmormeer-Region, das größte Skigebiet der Westtürkei und ein Ort, an dem Geschichte auf wilde Natur trifft. Von Bursa und sogar von Istanbul aus ist er leicht an einem Tag zu erreichen.
Geschichte und Ursprung des Kleinen Olymps
Den Namen dieses Berges haben die Griechen bereits in der Antike geprägt. Den Gebirgskamm, der sich am südlichen Rand von Bithynien erstreckt, nannten sie Olymp – genau wie den heiligen Hauptberg bei Thessaloniki. Der östliche Teil des Gebirgszugs hieß Bithinischer Olymp, der westliche – Mysischer. In der Nähe des Berges entstand die Stadt Prusa – das spätere Bursa –, die den offiziellen Zusatz „Prusa ad Olympum“ trug, also „Prusa am Olymp“. Herodot erwähnte, dass auf dem Mysischen Olymp ein furchterregender Eber lebte, den der Sohn des lydischen Königs Krösus jagte – und bei dieser Jagd ums Leben kam.
Das Mittelalter verwandelte den Berg in ein klösterliches Zentrum. Bereits unter Diokletian begannen sich die ersten Einsiedler in seinen Höhlen niederzulassen. Im 8. und 9. Jahrhundert, in der Zeit der ikonoklastischen Auseinandersetzungen, wurde der Kleine Olymp zu einem Zufluchtsort für Mönche, die sich der Politik der ikonoklastischen Kaiser widersetzten. Die russische Wikipedia weist darauf hin, dass gerade diese Verbindung der Mönche mit dem Berg ihm bis ins 11. Jahrhundert hinein besondere Autorität verlieh. Hier wirkte einer der größten Mönche des christlichen Ostens – Johannes der Große, ein byzantinischer Wundertäter, der sein Leben als Einsiedler an diesem Hang beendete.
Unter den Klöstern des Berges sticht das „Polychronion-Kloster“ (Polychronion) hervor, dessen Abt im 9. Jahrhundert Methodius von Thessaloniki war – der zukünftige Lehrer der Slawen und Schöpfer der Glagolizisch-Schrift zusammen mit seinem Bruder Kyrill. Ein weiterer Asket – Platon Studites (8. Jahrhundert), der mit den Klöstern Symvolech und Sakudion verbunden war – führte seinen Neffen Theodor Studites zum Klosterleben auf dem Berg, der später zu einem der einflussreichsten Theologen Konstantinopels wurde. In der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts war Euphemius – ein alischer Missionar – Abt eines der hiesigen Klöster.
Im Jahr 1317 eroberten die Türken den Berg, und für mehrere Jahrhunderte diente er als Jagdgebiet – zunächst der seldschukischen, später der osmanischen Sultane. Der Name „Keshish-Dag“, „Mönchsberg“, den sie ihm gaben, hielt sich lange Zeit im Volksmund. Im Jahr 1933 wurde hier das erste Hotel gebaut und eine Schnellstraße angelegt. Im Jahr 1961 wurde der Uludağ zum Nationalpark erklärt.
Architektur und Sehenswürdigkeiten
Der Kleine Olymp ist in erster Linie eine Landschaft und kein architektonisches Ensemble. Hier gibt es keine Moscheen mit Minaretten oder antike Amphitheater – hier gibt es einen Berg mit seinen vertikalen Zonen, von denen jede ihr eigenes Erlebnis bietet.
Der Gipfel Kartaltepe und der Schnee
Der höchste Punkt ist Kartaltepe, 2543 Meter über dem Meeresspiegel. Dies ist der höchste Punkt der Marmormeer-Region und des gesamten westlichen Teils der Halbinsel Kleinasien. Im Winter sind der Gipfel und die angrenzenden Hänge mit Schnee bedeckt, der von Dezember bis April und manchmal sogar länger liegen bleibt. Genau hier befindet sich das Hauptskigebiet: Hotels, Lifte, Pisten. Der Skiort Uludağ war 2017 und 2018 Austragungsort der europäischen Etappen der CEV Snow Volleyball Tour – ein Beweis für seine internationale Anerkennung.
Nördliche Hochebenen und Almwiesen
Nördlich des Gipfels erstreckt sich eine Kette von Hochplateaus: Sarıalan (ca. 1630 Meter), Kirazlıyayla, Kadıyayla (ca. 1200 Meter) und Sobra. Im Frühling und Frühsommer blühen hier die Almwiesen – der gelbe Crocus flavus und der violette Crocus siberi, die rosa Primeln Primula vulgaris var. sibthorpii, der Leoparden-Bash Doronicum orientale und Muscari. Dieser Ort ist ein Anziehungspunkt für Botaniker und Fotografen, von denen es in der Touristensaison weit weniger gibt als Skifahrer im Winter.
Waldgürtel und Vögel
An den Hängen des Berges erstrecken sich Eichen-Savannen, dann Laubwald, dann ein Buchen-Fichten-Massiv und weiter oben alpine Wiesen. In den dichten Fichtenwäldern nistet die für die Türkei äußerst seltene Tengmalm-Eule sowie der Weißrückenspecht und der Kleiber. Über den Felsen kreisen Bartgeier und andere Geier, Steinadler und mehr als zwanzig weitere Raubvogelarten. Zu den östlichen Besonderheiten zählen der Spanische Steinrötel und die Alpen-Waldschneehuhn. Auf dem Berg leben mehrere Wolfsrudel.
Verlassene Wolfram-Mine
In der Nähe des Gipfels sind die Ruinen einer Wolfram-Mine und einer Verarbeitungsanlage erhalten geblieben, die 1974 für 60 Millionen Dollar erbaut und 1989 wegen der hohen Produktionskosten geschlossen wurden. Für Liebhaber der Industriearchäologie ist dies ein seltener Fund: Die großen Betonbauten auf über 2000 Metern Höhe wirken surreal inmitten der Berglandschaft.
Seltener Schmetterling
Der Kleine Olymp ist einer der Lebensräume des seltenen Schmetterlings Parnassius apollo graslini, den Entomologen im Juni und Juli gezielt beobachten. Es handelt sich um eine Unterart des Apollofalters, der in vielen Schutzlisten Europas und Asiens aufgeführt ist.
Interessante Fakten und Legenden
- Herodot beschreibt die Wildschweinjagd auf dem Mysischen Olymp, die dem Sohn von Krösus das Leben kostete – einer der wenigen Fälle, in denen dieser konkrete Berg in der griechischen Geschichtsschreibung des 5. Jahrhunderts v. Chr. erwähnt wird.
- Die slawischen Missionare Kyrill und Method sind durch Method über diesen Berg verbunden: Er war Abt des Polychronion-Klosters auf dem Kleinen Olymp, bevor er sich zusammen mit seinem Bruder zu den mährischen Slawen aufmachte, um das Alphabet zu schaffen.
- Platon Studites und sein Neffe Theodor Studites begannen ihr Mönchsleben genau hier: Gerade bei den Höhlen des Kleinen Olymp entstand jene spirituelle Bewegung, die später über das Studion-Kloster in Konstantinopel das gesamte orthodoxe Mönchsreglement beeinflusste.
- Im Türkischen bedeutet „Uludağ“ „Großer Berg“. Doch der alte Name „Keshish-dag“ – „Mönchsberg“ – blieb im Volksmund noch lange nach der Ankunft der Osmanen im Jahr 1317 gebräuchlich.
- Der Skiberg Uludağ ist der erste Skiberg der Türkei: Das erste Hotel wurde hier 1933 erbaut, als der Begriff „Ski“ für die meisten Türken noch eine Seltenheit war.
Anreise
Der Kleine Olymp liegt in der Provinz Bursa, etwa 35 km südlich der Stadt. Von Istanbul aus ist Bursa in 2–3 Stunden leicht zu erreichen: mit der Fähre vom Anlegeplatz Kabataş oder Eminönü nach Yalova, von dort mit dem Bus oder Dolmuş zum Bursa Otogar (oder mit dem Schnellkatamaran nach Bursa IDO). Eine Alternative ist der direkte Bus von Istanbul (ca. 2,5 Stunden über die Osman-Gazi-Brücke).
Von Bursa aus gibt es zwei Möglichkeiten, den Berg zu erreichen. Die erste und beliebteste ist die Seilbahn Bursa Uludağ Gondola (Teleferik): Die Gondeln fahren vom Stadtzentrum ab und halten auf dem Plateau Kadıyayla auf etwa 1200 Metern Höhe, die Endstation ist Sarıalan auf etwa 1630 Metern. Dies ist die landschaftlich reizvollste Route. Die zweite Möglichkeit ist die Fahrt mit dem Auto oder Taxi über die bereits 1933 angelegte Schnellstraße; die Straße schlängelt sich durch einen Nadelwald und dauert etwa 45 Minuten. Vom Flughafen Istanbul (IST) ist es am bequemsten, mit dem Bus zum Bursa Otogar zu fahren und von dort aus mit der Seilbahn weiter. Vom Flughafen Istanbul Sabiha Gökçen (SAW) geht es mit der Fähre über das Marmarameer noch schneller: nach Yalova und dann mit dem Bus nach Bursa.
Tipps für Reisende
Die Jahreszeit bestimmt maßgeblich, was Sie auf dem Kleinen Olymp vorfinden. Dezember–März – Skisaison: Die Pisten sind voller Menschen, die Hotels ausgebucht, die Preise doppelt so hoch wie im Sommer; dafür hinterlässt gerade im Winter der Ausblick vom Sessellift auf die schneebedeckten Gipfel und das Marmarameer in der Ferne einen unvergesslichen Eindruck. Ende April–Juni – die beste Zeit für Botaniker und ruhige Spaziergänge: Die Wiesen blühen, die Vögel sind aktiv, und die Skitouristen sind bereits abgereist. Juli–September – Trekkingsaison: Man kann den Kartaltepe zu Fuß in 4–5 Stunden von Sarıalan aus besteigen.
Nehmen Sie auch im Hochsommer warme Kleidung mit: Auf 2500 Metern Höhe steigt die Temperatur selten über 15–18 Grad, und oft kommt plötzlich Wind auf. Wanderschuhe sind Pflicht – die Steine auf dem Kamm sind scharf und nach Regen rutschig. Cafés und Restaurants konzentrieren sich auf die Hotelzone rund um Sarıalan; weiter oben gibt es keine, nehmen Sie daher ausreichend Wasser und Proviant mit. Ein Fernglas erhöht den Spaß an der Vogelbeobachtung erheblich – ein Bartgeier oder ein Steinadler im Flug über den Abgrund ist unvergesslich.
Für Kurztrips von Istanbul aus lässt sich der Kleine Olymp gut mit Bursa selbst verbinden: Das historische Zentrum mit den Moscheen Ulu Cami und Yesil Cami, das Grabmal von Orkan, der Kapalıçarşı-Markt und der berühmte Bursa-Kebab – Iskender-Kebab – lassen sich leicht in einen ereignisreichen Tag einbauen. Und denken Sie daran: Der Kleine Olymp ist nicht nur ein Skigebiet. Für diejenigen, die gerne durch die Schichten der Geschichte blicken, verbirgt sich hier unter jedem Fichtenwald der Schatten eines Mönchs oder das Jagdhorn eines osmanischen Sultans.