Das römische Theater in Ankara – eine antike Bühne am Fuße der Festung
Am Westhang der Festung von Ankara, am Fluss Bentderesi, verbirgt sich ein fast zweitausend Jahre altes Denkmal. Das römische Theater in Ankara (Ankara Roma Tiyatrosu) wurde im 2. Jahrhundert n. Chr. erbaut und bot Platz für 3.000 bis 5.000 Zuschauer. Lange Zeit lag es buchstäblich unter der Stadt begraben: Erst 1982, beim Aushub für eine Baugrube, wurden die ersten archäologischen Spuren entdeckt. Von 1982 bis 1986 wurde das Theater vom Museum für Anatolische Zivilisationen ausgegraben, und in den Jahren 2009–2010 wurden die Ausgrabungen wieder aufgenommen. Heute ist das römische Theater in Ankara ein geschütztes Kulturerbe, eines der wenigen großen antiken Theater, die direkt im Gewebe einer modernen Großstadt gefunden wurden, und ein Ort, an dem sich die Geschichte von Ancyra dem Besucher nicht in Vitrinen, sondern direkt unter den Füßen offenbart.
Geschichte und Ursprung des römischen Theaters in Ankara
Ancyra – so hieß das heutige Ankara in der Antike – war die Hauptstadt der römischen Provinz Galatien. Die Stadt nahm eine strategische Lage an der Kreuzung der Wege zwischen West und Ost ein, und ihre Bedeutung in der Zeit des Römischen Reiches war sehr groß. Das Theater wurde im 2. Jahrhundert n. Chr. erbaut – in der Blütezeit des Bauprogramms in den Provinzen unter den Kaisern Hadrian und den Antoninen. Das genaue Datum der Grundsteinlegung ist unbekannt, doch die Typologie der architektonischen Elemente und die Baumaterialien weisen genau auf diese Epoche hin.
Das Gebäude wurde am Westhang des Hügels der Festung von Ankara über dem Fluss Bentderesi errichtet. Dies ist ein für kleinasiatische Theater typischer Ansatz: die Nutzung des natürlichen Geländes anstelle von Aufschüttungen. Genau über dieses Prinzip schrieb der römische Architekt Vitruv in seiner Abhandlung „Über die Architektur“ – und das Theater von Ankara bestätigt seine Worte anschaulich: Der geneigte Hang des Festungshügels ermöglichte es, kolossale Erdarbeiten beim Bau der Cavea zu vermeiden.
Nachdem das Theater im 3. und 4. Jahrhundert allmählich aus dem aktiven Gebrauch genommen wurde, wurde es in der Zeit der Seldschuken und Osmanen an neue Bedürfnisse angepasst: Ausgrabungen in den Jahren 2009–2010 brachten Spuren der Keramik- und Glasherstellung im Theatergebäude zutage. Defekte Keramik, Röhren und Münzen, die in situ gefunden wurden, weisen auf die Tätigkeit von Werkstätten im Spätmittelalter hin – das ehemalige Theater hatte sich in ein industrielles Quartier verwandelt. Im Jahr 1992 wurde das Objekt als Denkmal der Kategorien I und II unter staatlichen Denkmalschutz gestellt. Nach den Ausgrabungen von 2009–2010 wurde das Theater zur Restaurierung an die Großgemeinde Ankara übergeben.
Die Restaurierung löste heftige Kontroversen unter Fachleuten aus. Es wurde beschlossen, die Kavea vollständig zu renovieren; dabei wurde der ursprüngliche Ankara-Stein – Andesit – durch weißen Marmor ersetzt. Viele Experten bewerteten dies als „Neubau eines Theaters von Grund auf“ und nicht als Erhaltung eines historischen Objekts.
Architektur und Sehenswürdigkeiten
Das Ankara Roma Tiyatrosu liegt zwischen der Hisar Caddesi und der Pınar Sokak im Stadtteil Ulus (Altındağ). Architektonisch handelt es sich um ein typisches römisches Theater im kleinasiatischen Stil mit einer Reihe charakteristischer Merkmale.
Cavea: 3.000–5.000 Plätze
Die Cavea (Zuschauerraum) ist um etwa 23° nach Nordwesten ausgerichtet, was für eine Zirkulation kühler Luft aus dem Bentderesi-Tal sorgt – eine durchdachte akustische und klimatische Lösung. Horizontal war sie in vier Sektionen mit Sitzplätzen und radialen Treppen unterteilt. Nach Berechnungen von Forschern bot das Theater Platz für 3.000 bis 5.000 Zuschauer – eine für anatolische Theaterverhältnisse vergleichsweise geringe Größe, die dem provinziellen und nicht dem imperialen Maßstab von Ancyra entspricht. Ursprünglich wurde die Cavea aus Andesit – einem lokalen Vulkangestein – erbaut; bei der Restaurierung ersetzten Beton und weißer Marmor einen Großteil der ursprünglichen Konstruktionen. Zwei originale Sitzreihen aus Andesit mit einer Höhe von etwa 40 Zentimetern wurden an ihrem ursprünglichen Standort entdeckt.
Vomitorium und Paroden
Für den Zugang zum Zuschauerraum und zur Orchestergrube dienten Vomitorien – gewölbte Durchgänge. Bis heute sind beide Tunnel erhalten, die zur Orchestergrube führen. Von den beiden Parodos (Eingangsfluren für Chor und Schauspieler) ist der östliche vollständig erhalten, der westliche nur teilweise.
Orchester und Pulpitum
Die Orchestergrube (Bühne für den Chor) ist halbrund, hat einen Durchmesser von etwa 13 Metern und ist von einer dicken Mauer umgeben. Das Pulpitum (die Bühne) ist erhalten geblieben, wurde jedoch in der byzantinischen Zeit umgebaut: Zwischen Bühne und Orchester wurden neue Konstruktionen hinzugefügt, die die Höhe der Türöffnungen verringerten. Dies zeugt davon, dass das Theater in der Spätzeit für andere Zwecke umfunktioniert wurde.
Skene und Skulpturen
Das Gebäude der Skene (Bühne) ist nur im nördlichen Teil erhalten geblieben. Es wurde aus Andesitblöcken errichtet, ist etwa 31 Meter lang und etwa 8 Meter breit und verfügt über fünf Türöffnungen – eine ungewöhnliche Lösung, die gerade für die kleinasiatische Theatertradition charakteristisch ist. Architektonische Details und Skulpturfragmente, die bei Ausgrabungen gefunden wurden, weisen auf ein reichhaltiges dekoratives Programm hin. Die meisten Fundstücke werden in den unteren Sälen des Museums für Anatolische Zivilisationen aufbewahrt.
Interessante Fakten und Legenden
- Das Theater wurde zufällig entdeckt – im Jahr 1982 beim Ausheben einer Baugrube. Zuvor lag es etwa anderthalb Jahrtausende lang unter der städtischen Schicht verborgen.
- In der seldschukischen und osmanischen Epoche wurde das Theatergebäude als Werkstatt für die Herstellung von Keramik und Glas genutzt – davon zeugen die gefundenen fehlerhaften Erzeugnisse und die Glasbläserrohre.
- Die Restaurierung der Kavea im Jahr 2020 löste einen Skandal aus: Der weiße Marmor anstelle des ursprünglichen Andesits provozierte Kritik von Experten, die das Ergebnis als „Bau eines neuen Theaters an der Stelle des antiken“ bezeichneten.
- Die Kavea des Theaters ist so ausgerichtet, dass die natürliche Belüftung aus dem Tal des Flusses Bentderesi genutzt wird – eine Lösung im Sinne der Empfehlungen von Vitruv zur Standortwahl für ein Theater.
- Die Art der Bühne mit fünf Türöffnungen ist ein charakteristisches Merkmal der anatolischen Theatertradition, das die lokalen Theater von den standardmäßigen römischen Bauten mit drei Türen unterscheidet.
Anfahrt
Das Theater befindet sich im Stadtteil Ulus (Altındağ) in Ankara, zwischen den Straßen Hisar Caddesi und Pınar Sokak, am westlichen Fuß der Festung von Ankara. Von der U-Bahn-Station Ulus (Linie M1) sind es zu Fuß etwa 10–12 Minuten. Vom zentralen Stadtteil Kızılay nach Ulus mit der U-Bahn – 5 Minuten.
Vom Flughafen Ankara Esenboğa (ESB) gelangt man am bequemsten mit dem Havaş-Bus zu einer der zentralen Haltestellen und von dort mit der U-Bahn nach Ulus. In der Nähe des Theaters befinden sich der Augustus-Tempel (Temple of Augustus) und die Hacı Bayram Camii – alle drei Sehenswürdigkeiten lassen sich bequem auf einer Route durch das historische Ulus besichtigen. Von den römischen Bädern von Ankara (Roma Hamamı) zum Theater sind es etwa 600 Meter zu Fuß.
Tipps für Reisende
Das Gelände ist umzäunt; für einen Besuch sollten Sie sich über die Öffnungszeiten und die Verfügbarkeit von Eintrittskarten informieren – die Zugangsbedingungen können je nach Saison und laufenden Bauarbeiten variieren. Wir empfehlen, aktuelle Informationen auf der Website der Stadtverwaltung von Ankara oder im Tourismusbüro zu überprüfen.
Das Theater wirkt besonders eindrucksvoll von den höchsten Punkten der Festung von Ankara aus – von dort hat man einen guten Überblick über den Gesamtplan und die Lage des Objekts im städtischen Kontext. Besichtigen Sie das Theater am Vormittag: Es gibt keine Touristenmassen, und das sanfte Licht bringt die Reliefstruktur des Mauerwerks gut zur Geltung. Tragen Sie Schuhe mit rutschfesten Sohlen: Der Stein kann nach Regen rutschig sein.
Kombinieren Sie den Besuch mit dem Museum der anatolischen Zivilisationen (Anadolu Medeniyetleri Müzesi) – es liegt nur 5 Gehminuten entfernt und beherbergt die meisten Artefakte, die bei den Ausgrabungen des Theaters gefunden wurden. Das römische Theater in Ankara ist ein seltener Fall, bei dem ein antikes Bauwerk direkt in einer lebendigen städtischen Umgebung steht: Hier spürt man die Geschichte von Ancyra buchstäblich unter den Füßen und nicht hinter dem Glas einer Museumsvitrine.