Die Yavuz-Selim-Moschee – der strenge Wächter des fünften Hügels Istanbuls über dem Goldenen Horn
Die Yavuz-Selim-Moschee steht auf dem Gipfel des fünften Hügels Istanbuls im Stadtteil Çukurboğan, und ihre Silhouette über dem Goldenen Horn ist schon von weitem zu erkennen: eine einsame, gedrungene Kuppel, zwei schlanke Minarette und ein langer Schatten, der sich auf das Wasser legt. Sie ist die zweitälteste der erhaltenen kaiserlichen Moscheen der Stadt, und in ihr spürt man sofort den Charakter ihres Auftraggebers – Süleyman der Prächtige errichtete sie zum Gedenken an seinen Vater, den gefürchteten Sultan Selim I., der Yavuz – „der Furchtbare“ – genannt wurde. Der Yavuz-Selim-Moschee fehlt die äußere Pracht späterer Selatin-Moscheen: Hier gibt es keine Kaskaden von Halbkuppeln wie in der Süleymaniye, keine farbenfrohe Fassade wie in der Blauen Moschee. Dafür gibt es das seltene Gefühl frühosmanischer Strenge, iranische Kachelmalereien, die Stille des Innenhofs mit seinen Platanen und eine Aussicht, für die es sich lohnt, hierher zu steigen, wenn auch nur einmal.
Geschichte und Herkunft der Yavuz-Selim-Moschee
Selim I., der Vater von Süleyman, starb im Jahr 1520. Seine Regierungszeit war kurz – nur acht Jahre –, doch er verwandelte den osmanischen Staat in ein transkontinentales Reich: Selim annektierte Syrien, Ägypten und den Hedschas, brachte den Kalifentitel und die Reliquien des Propheten nach Istanbul. Der Sohn, der dieses beispiellose Erbe von seinem Vater erbte, beschloss, es mit einem Denkmal auf dem fünften Hügel – einem der markantesten Punkte des Stadtbildes – zu verewigen.
Mit dem Bau wurde der Architekt Alauddin beauftragt, der auch als Adjem Alisi („der Perser Ali“) bekannt war. Die Arbeiten schritten für die damaligen Maßstäbe kaiserlicher Bauvorhaben zügig voran: Türkische Quellen nennen das Jahr 1522 als Errichtungsdatum, während westliche Forscher sich auf das Jahr 1527/8 als Zeitpunkt der endgültigen Fertigstellung des Komplexes einigen. Der Name Mimar Sinan, den man später mit dem Projekt in Verbindung zu bringen versuchte, hat mit der Moschee nichts zu tun: Im Jahr des Baubeginns war Sinan vom Hof noch nicht beachtet worden und hatte keinen Zugang zu großen Aufträgen. Umso interessanter ist es, dass eines der Türbes im Innenhof doch von Sinan erbaut wurde – allerdings erst später, im Jahr 1556.
Die Moschee wurde zum Zentrum eines Külliye – eines ganzen Komplexes mit einer Medrese, einem Imaret (einer öffentlichen Küche), einer Karawanserei und einem Hamam. Ein Teil der Gebäude ist nicht bis in unsere Tage erhalten geblieben, doch die Moschee selbst und die Türbe überstanden Erdbeben, Brände und Restaurierungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Ein türkischer Reiseführer weist darauf hin, dass eine Seite der Moschee über der Cisterne von Aspar – dem größten der drei römischen Wasserreservoirs von Konstantinopel – thront, während die andere Seite über der Straße Kırk Merdiven („Vierzig Stufen“) abfällt. Dieses Relief macht den Weg zur Moschee auch heute noch zu einem kleinen Abenteuer.
Architektur und Sehenswürdigkeiten
Äußerlich vermittelt die Yavuz-Selim-Moschee den Eindruck asketischer Strenge: Ihr Grundriss ist ein einfaches Quadrat, überdacht von einer einzigen Kuppel, ohne das komplexe System von Halbkuppeln, auf das spätere kaiserliche Moscheen stolz sind. Dies ist ein für Istanbul seltenes Beispiel für eine frühosmanische architektonische Idee im kaiserlichen Maßstab.
Hof, Portikus und drei Tore
Drei Tore führen in den großen Innenhof (avlu): Türbe Kapı (von der Seite der Grabstätten), Çarşı Kapı (vom Basar) und Kırk Merdiven Kapı (von der Seite der Steilwand). Der Hof ist weitläufig, schattig, mit alten Bäumen und einem Şadırvan – einem Marmorbrunnen zur Waschung, der der Überlieferung nach von Sultan Murad IV. errichtet wurde. Die Kolonnade des letzten Versammlungsraums (son cemaat yeri) stützt sich auf 18 Säulen und wird von 22 kleinen Kuppeln überdacht; die Säulen sind unterschiedlich beschaffen – aus Marmor, Granit, Porphyr –, und diese bunte „Sammlung“ von Spolien verleiht dem Hof einen besonderen Rhythmus.
Die Hauptkuppel und die Proportionen des Saals
Der Gebetsraum ist ein einfacher quadratischer Raum mit einer Seitenlänge von 24,5 Metern, der von einer flachen, 32,5 Meter hohen Kuppel gekrönt wird. Die Kuppel ruht direkt auf den vier Wänden, ohne Zwischenkuppeln – ein Stilelement, das noch auf die frühosmanischen Moscheen von Bursa und Edirne zurückgeht. Ähnlich wie bei der Hagia Sophia ist die Kuppel hier viel flacher als eine Halbkugel, wodurch der Raum nicht vertikal, sondern horizontal und weitläufig wirkt.
Cuerda-seca-Kacheln – iranischer Stil
Die wichtigste Verzierung des Innenraums sind die Lünettenpaneele über den Fenstern, die in der Cuerda-Seca-Technik ausgeführt sind: farbige Kacheln, bei denen verschiedene Glasuren durch eine dünne, fette Linie getrennt sind, die verhindert, dass die Farben beim Brennen ineinanderfließen. Diese Paneele wurden mit ziemlicher Sicherheit von denselben iranischen Meistern angefertigt, die auch den Sünnet Odası – den Beschneidungsraum im Topkapi-Palast – verziert haben. In keiner anderen Istanbuler Moschee findet sich genau dieser „iranische“ Farbton der Fliesen: Später bevorzugten die Osmanen die Iznik-Keramik mit ihrem berühmten roten Farbton.
Hünkar-Mahfil und Ausstattung
Links vom Mihrab, auf acht Marmorsäulen, erhebt sich die Sultanloge (Hünkar Mahfili); rechts befindet sich die Loge des Muezzins, und eine weitere über der Qibla. Der Marmor-Minbar sowie die Fenster- und Türflügel sind mit Schnitzereien, Perlmutt- und Elfenbeinintarsien verziert; Kalligraphie, Vergoldung und Malerei (Nefisch und Tezhip) sind auf dem höchsten Niveau ihrer Zeit ausgeführt. Türkische Reiseführer heben besonders die Schönheit der Kacheln rund um den Mihrab hervor – „ein solches Ensemble gibt es nur in dieser Moschee“.
Das Türbe von Selim I. und der Garten hinter der Moschee
Hinter der Moschee, auf einer Terrasse mit Blick auf den Goldenen Horn, steht das achteckige Türbe von Sultan Selim I., das 1523 fertiggestellt wurde. Sein Schöpfer ist derselbe Adjem Ali. Die kleine Vorhalle des Türbes ist vollständig mit Kacheln mit einzigartigem Muster verkleidet; im Inneren befinden sich zweistöckige Fenster, vier farbige Säulen, fünf Bögen und ein Sarkophag mit einem Selimi-Kavuk (einem charakteristischen osmanischen Turban). Über der Tür ist in Kalligraphie der Vers geschrieben: „Jede Seele wird den Tod kosten.“ Die Türen aus Ebenholz sind mit Perlmuttintarsien verziert. Daneben steht ein zweites Türbe aus dem Jahr 1556, das Mimar Sinan zugeschrieben wird: Darin sind die drei Söhne Süleymans des Prächtigen – Mahmud, Murad und Abdullah – sowie die beiden Töchter Selims I., Hafize Hafsa und Hatice, begraben. Das dritte Türbe ist das des Sultans Abdul-Mejid I., das kurz vor seinem Tod im Jahr 1861 erbaut wurde.
Interessante Fakten und Legenden
- Auf dem Sarkophag von Yavuz Selim lag der Überlieferung zufolge ein Kaftan, der dem Gelehrten Ibn Kemal gehörte: Als der Sultan einmal neben ihm ritt, bespritzte er dessen Kaftan mit Schlamm – und war von der Würde des Gelehrten so beeindruckt, dass er testamentarisch anordnete, dieses Kleidungsstück auf sein Grab zu legen.
- Selim I. regierte nur acht Jahre, doch in dieser Zeit verdoppelte er fast das Territorium des Osmanischen Reiches: Sein Sohn Süleyman errichtete seinem Vater eine Moschee, dessen Beiname „Yavuz“ – „der Furchtbare“, „der Gnadenlose“ – zugleich Warnung und Kompliment war.
- Man versuchte später, den Architekten Adjem Ali – also „Perser Ali“ – in den Quellen durch Mimar Sinan zu ersetzen, doch Sinan war dem Palast 1522 noch nicht bekannt. Die Ironie dabei ist, dass Sinan dennoch einen Platz in diesem Ensemble erhielt – er errichtete 1556 die Türbe des Scheichs.
- Die Moschee steht genau auf einem der „sieben Hügel“ Istanbuls, und von ihrem Külliye auf dem Gipfel des fünften Hügels bietet sich der beste Panoramablick auf den Goldenen Horn – besser als von vielen offiziellen Aussichtspunkten.
- Im Garten der Türbe wurde nach osmanischer Tradition ein kleiner Rosengarten angelegt: Man geht davon aus, dass die Rosen Istanbuls erstmals im 16. Jahrhundert an den kaiserlichen Grabstätten gepflanzt wurden.
Anfahrt
Die Moschee befindet sich im Stadtteil Fatih, einige Blocks nördlich der Fevzi-Pascha-Allee, in der Yavuz-Selim-Kadde-Straße. Am bequemsten gelangt man mit der Straßenbahnlinie T1 bis zur Haltestelle Aksaray oder Çapa-Şehremini, von dort aus mit dem Bus 36KE, 87 oder 90 in Richtung Balat umsteigen und an der Haltestelle Yavuz Selim aussteigen. Der Fußweg von Ayvansaray am Ufer des Goldenen Horns dauert 15–20 Minuten – ein steiler, aber malerischer Pfad durch die alten Holzhäuser der Stadtteile Balat und Fener.
Vom Flughafen Istanbul (IST) ist es am bequemsten, mit der U-Bahn M11 bis Kâğıthane zu fahren, dort auf die M7 umzusteigen und dann mit der Straßenbahn T1 weiterzufahren; die gesamte Fahrzeit beträgt etwa 1 Stunde 40 Minuten. Vom Flughafen Sabiha Gökçen (SAW) – mit dem Havabus-Bus bis Taksim und weiter mit dem Taxi über die Atatürk-Brücke, ca. 1 Stunde. Mit dem Auto führt die Ferizade Caddesi zur Moschee, aber es gibt nur wenige Parkplätze: Am besten lässt man das Auto am Großen Basar oder am Ayvansaray stehen und geht zu Fuß hinauf. Der Ausflug lässt sich gut mit einem Spaziergang durch Balat und Fener verbinden – dies ist wohl die stimmungsvollste Route für Fußgänger im alten Istanbul.
Tipps für Reisende
Die beste Reisezeit ist der späte Frühling (April–Mai) und der frühe Herbst (September–Oktober): Dann ist die Luft klar, und von der Terrasse der Türbe aus sieht man die Boote, die weit unten auf dem Goldenen Horn fahren. Im Sommer ist es in Istanbul heiß, doch gerade zur Mittagszeit wirft die von der Sonne aufgeheizte Kuppel der Moschee einen scharfen, kurzen Schatten, der das Innere kühl und dunkel macht – hier lässt sich die Istanbuler Hitze gut aussitzen. Im Winter ist der Innenhof der Moschee besonders ruhig, und die Cuerda-Seca-Kacheln zeigen im Seitenlicht ihre reliefartige Struktur.
Es handelt sich um eine aktive Moschee, und es gelten dieselben Regeln wie in der Hagia Sophia oder der Süleymaniye: Frauen müssen Kopf, Schultern und Knie bedecken, Männer dürfen keine Shorts tragen. Kopftücher werden am Eingang kostenlos ausgegeben, Schuhe werden in eine Plastiktüte gepackt. Während der fünf täglichen Gebete und insbesondere am Freitagmittag ist der Touristenzugang geschlossen – planen Sie Ihren Besuch am besten zwischen den Ezan-Zeiten, im Zeitfenster von 10::00 bis 11::30 oder von 14::30 bis 16::00. Planen Sie für die Besichtigung der Moschee, der Türbe und den Rundgang durch den Innenhof 60–90 Minuten ein, Fotografen sollten mehr Zeit einkalkulieren.
Kombinieren Sie den Besuch mit einer Route zu den benachbarten Perlen von Balat und Fener: der antiken griechischen Schule Megale Scholeion („Rote Schule“), der bulgarischen Kirche des Heiligen Stephan aus Gusseisen am Ufer des Goldenen Horns, dem Patriarchat und Kariye (der Chora-Moschee mit ihren byzantinischen Mosaiken). Vom fünften Hügel aus gelangt man bequem hinunter zum Wasser: An der Uferpromenade gibt es viele Cafés und kleine Fischrestaurants, in denen frischer Hams und Balik-Ekmek serviert werden. Nehmen Sie Wasser, bequeme Schuhe – die Pflastersteine in der Gegend sind steil und oft mit großen Steinen gepflastert – sowie eine kleine Tasche für Schuhe und ein Tuch mit. Die Yavuz-Selim-Moschee ist nicht gerade die touristischste Sehenswürdigkeit Istanbuls, und genau darin liegt ihr größter Reiz: Hier kann man das imperiale 16. Jahrhundert ohne Menschenmassen und Hektik erleben, ganz allein mit dem Schatten von Sultan Yavuz, dem Blick auf den Goldenen Horn und der klangvollen Stille unter der Kuppel, die seit fast fünfhundert Jahren auf vier Mauern ruht.