Die Hasanpaşa-Gasfabrik – eine industrielle Ikone von Kadıköy in neuer Rolle
Die Gasfabrik Hasanpaşa (türk. Hasanpaşa Gazhanesi, heute Müze Gazhane) ist ein für Istanbul seltenes Beispiel dafür, wie sich ein düsterer Industriekomplex aus dem 19. Jahrhundert in ein helles Kulturviertel des 21. Jahrhunderts verwandelt. Die alte osmanische Fabrik, die mehr als ein Jahrhundert lang die anatolische Seite der Metropole beleuchtete, ist heute erfüllt vom Lärm der Kinderstimmen im Wissenschaftszentrum, vom Summen der Theaterproben und vom Duft des Kaffees aus dem Café im Innenhof. Das Gaswerk Hasanpaşa befindet sich im Stadtteil Kadıköy, in der Kurbağalıdere-Straße 125, und ist seit seiner Eröffnung am 9. Juli 2021 wohl der überraschendste Museumsort im asiatischen Teil der Stadt geworden – ein Ort, an den man nicht wegen des „klassischen“ Istanbul, sondern wegen seiner industriellen Vergangenheit und seiner lebendigen zeitgenössischen Kultur.
Geschichte und Entstehung des Gaswerks Hasanpaşa
Mitte des 19. Jahrhunderts beleuchtete das bereits in den 1860er Jahren erbaute Gaswerk Kuzgunçuk die anatolische Seite Istanbuls. Gegen Ende des Jahrhunderts reichte dessen Kapazität nicht mehr aus: Kadıköy und Üsküdar wuchsen rasant, und das Osmanische Reich dachte über eine neue große Gasstation nach. Die Entscheidung fiel am 28. Juli 1891: Der Staat erteilte der Aktiengesellschaft „Gas- und Elektrizitätsversorgung“ eine 50-jährige Konzession für die Versorgung der Bezirke Kadıköy, Üsküdar und der gesamten anatolischen Küste – bis hin zu den Grenzen von Beyoğlu. Der Vertrag wurde von Ingenieur Anatoli Barsil, der den Pariser Metallindustriellen Charles Georges vertrat, und Scheichremini Ridvan-Pascha im Namen des Reiches unterzeichnet.
Die Bauarbeiten wurden am 1. August 1891 vom Architekten und Bauunternehmer Guglielmo Semprini aufgenommen. Als Standort wurde ein Gelände am Bach Kurbagalidere gewählt: Die Kohle wurde auf dem Wasserweg angeliefert und anschließend über eine eigens dafür verlegte Eisenbahnstrecke direkt in die Werkstätten transportiert. Bereits 1892 nahm das Werk unter dem Namen „Üsküdar-Kadıköy Gaz Şirket-i Tenviriyesi“ den Betrieb auf und wurde neben Dolmabahçe, Edikule und Kuzgunçuk zum vierten Gaswerk der Stadt. Anfangs wurde es Kurbagalidere oder Kadıköy-Gaswerk genannt; der heutige Name – nach dem benachbarten Stadtteil Hasanpaşa – setzte sich später im Sprachgebrauch der Stadtbewohner durch. Die Gasbeleuchtung selbst war für einen russischsprachigen Reisenden ein Detail aus einer fast Dickensschen Epoche: Etwa zur gleichen Zeit wurden Gaslaternen auf dem Newski-Prospekt in St. Petersburg und in den Vierteln von Zamoskvorechje angezündet, und Istanbul befand sich plötzlich auf einer technologischen Stufe mit den europäischen Hauptstädten.
Die Fabrik arbeitete fast ohne Unterbrechung bis zum Ersten Weltkrieg. Als Kohle knapp wurde, verbrannte man Olivenkerne in den Öfen – nur damit die Stadt nicht ohne Licht und Wärme blieb. Im Oktober 1924, ein Jahr nach der Ausrufung der Republik, wurde die Konzession um weitere fünfzig Jahre verlängert: Das Dokument wurde vom Bürgermeister Emin-Bey und dem Vorstandsmitglied der Gesellschaft Arif Hikmet-Bey unterzeichnet. Im Jahr 1926 wurde das Unternehmen von der Firma aufgekauft, die Yedikule verwaltete, und die Vermögenswerte wurden in der „Istanbul Havagazı ve Elektrik Teşebbüsatı Sanaiye Türk Anonim Şirketi“ zusammengefasst. Von 1938 bis 1944 war das Werk in Kadıköy wieder eigenständig, von 1945 bis 1993 gehörte es zur städtischen Verkehrsgesellschaft İETT. Am 13. Juni 1993, nach der flächendeckenden Einführung von Erdgas in der Stadt, erloschen die Öfen für immer – die 101-jährige industrielle Ära des Unternehmens war zu Ende. Der Himmel über Kadıköy war zum ersten Mal seit einem Jahrhundert von dem charakteristischen Dunst befreit, und die Stadtbewohner, die es gewohnt waren, die Zeit anhand der Werkssignale zu bestimmen, blickten noch lange reflexartig in diese Richtung.
Architektur und Sehenswürdigkeiten
Das Müze Gazhane erstreckt sich über eine Fläche von etwa 30.000 m² – es ist ein ganzes Industrieviertel aus Backsteingebäuden, Gasspeichern und Metallkonstruktionen, umrahmt von grünen Rasenflächen. Der wichtigste architektonische Eindruck hier ist der Kontrast: Das raue, rußige Mauerwerk aus dem 19. Jahrhundert steht neben den spiegelnden Glaseinsätzen der Restaurierung aus den 2010er Jahren. Die Sanierung wurde von einem Team der Architekturfakultät der Technischen Universität Istanbul (İTÜ) unter der wissenschaftlichen Leitung von Professorin Afife Batur durchgeführt; Projektkuratoren waren Gülsün Taneli und Kani Kuzuldular. Die Restaurierung dauerte vom 7. März 2014 bis 2021 – mit einer zweijährigen Verzögerung gegenüber dem ursprünglichen Plan.
Die Gasbehälter und das Wissenschaftszentrum
Die ehemaligen Kohlegasbehälter sind die bekanntesten Objekte des Komplexes. In einem davon befindet sich ein Wissenschafts- und Technikmuseum mit interaktiven Ausstellungen für Kinder und Jugendliche: Anlagen zu Physik, Ingenieurwesen und Optik sowie Experimente, die man mit den Händen anfassen kann. Hier befinden sich auch das Klimamuseum – ein für die Türkei relativ neues Format, das sich dem Klimawandel und der Ökologie widmet – sowie das Karikaturmuseum, das bei Istanbulern jeden Alters beliebt ist. Bei einem Spaziergang zwischen den zylindrischen Gebäuden kann man sich leicht vorstellen, wie Arbeiter in Wollmützen hier hereinkamen und Dampf aus den Öffnungen der Tanks aufstieg. Die schwarzen Metallverkleidungen der Dächer, die Nieten, die Führungsschienen – all das wurde in seiner ursprünglichen Form erhalten, lediglich die tragenden Elemente wurden verstärkt.
Die Afife-Batur-Bibliothek
Eine der renovierten Werkhallen wurde in eine geräumige Bibliothek umgewandelt, die nach der Leiterin des Restaurierungsprojekts – Professorin Afife Batur – benannt ist. Der Bestand umfasst etwa 10.000 Bücher zu Architektur, Kunst, Stadtgeschichte und Kulturerbe. Hohe Dachstühle, lange Holztische, sanfte Deckenbeleuchtung – dies ist einer der stimmungsvollsten Orte zum Arbeiten und Lesen in Kadıköy, und die Einheimischen schätzen ihn nicht weniger als die Besucher. Für Forscher steht ein Lesesaal mit seltenen Ausgaben zur Geschichte der Istanbuler Industrie offen.
Theaterbühnen – „Große Bühne“ und „Platzbühne“
Zum Müze Gazhane gehören zwei Bühnen des Istanbuler Stadttheaters. Der große Saal mit 301 Plätzen wurde 2022 nach der Theaterwissenschaftlerin Sevda Şener benannt; die erste Inszenierung hier war „Die Pest“ von Albert Camus in der Inszenierung von Neil Bartlett – eine Wahl, die nach den Pandemiejahren besonders eindringlich wirkte. Der Kammersaal für 130 Zuschauer heißt „Meydan Sahne“ – „Platzbühne“; dort feierte das Stück „Gift“ von Lot Vekemans Premiere. Das Programm wird fast wöchentlich aktualisiert, und ein Teil der Vorstellungen wird mit türkischen Untertiteln, einzelne Aufführungen mit englischen Untertiteln gezeigt.
Freifläche und Gastronomie
Zwischen den Gebäuden erstreckt sich ein Park mit Rasenflächen, Bänken und Plätzen für Straßenkonzerte. Entlang des Randes befinden sich ein Café, ein Restaurant, eine Konditorei und eine Buchhandlung. In der warmen Jahreszeit finden hier Bauernmärkte, Designermessen und Open-Air-Filmvorführungen statt. Dies ist eine für das Zentrum von Kadıköy seltene Grünzone, und einheimische Familien kommen mit Kindern und Hunden hierher, um einfach spazieren zu gehen – besonders bei Sonnenuntergang, wenn das rötliche Licht auf die alten Ziegelsteine fällt.
Interessante Fakten und Legenden Die Gasfabrik von Hasanpaşa
- In den Jahren der Kohleknappheit während des Ersten Weltkriegs wurden hier Olivenkerne verbrannt – eine alte Stadtlegende besagt, dass die Einwohner von Kadıköy anhand des Geruchs aus den Schornsteinen erraten konnten, wie die Ernte in dieser Saison in den Olivenhainen der Ägäis ausgefallen war.
- Nach der Schließung im Jahr 1993 wurde das Gelände als Lager, Garage, Müllhalde und Kohlespeicher genutzt. 1994 ordnete die Stadtverwaltung den Abriss der Restbauten an, doch der Abriss wurde durch den Widerstand der Bewohner und von NGOs gestoppt – ein äußerst seltener Fall, in dem bürgerschaftliches Engagement ein industrielles Denkmal Istanbuls rettete.
- Die Bürgerinitiative „Gazhane Çevre Gönüllüleri“ („Umweltfreiwillige der Gasfabrik“) wurde 1996 gegründet und 1998 in eine Genossenschaft umgewandelt. Bis 2009 veranstalteten die Aktivisten auf dem Gelände acht kostenlose Festivals mit Konzerten, Ausstellungen und Theateraufführungen und entwarfen damit faktisch im Voraus die zukünftige kulturelle Funktion des Ortes.
- Das Restaurierungsprojekt wurde von 1998 bis 2001 an der İTÜ vorbereitet, aber erst 2014 genehmigt. Die Arbeiten begannen am 7. März 2014 und sollten bis 2019 abgeschlossen sein, doch die Eröffnung fand erst am 9. Juli 2021 statt – mit einer zweijährigen Verzögerung, wie sie für große Restaurierungsarbeiten im historischen Istanbul typisch ist.
- Der Architekt Guglielmo Semprini, der am 1. August 1891 mit dem Bau begann, war ein italienischer Bauunternehmer, wie viele Fachleute im osmanischen Istanbul des späten 19. Jahrhunderts: Damals war die Stadt voller levantinischer Ingenieure, und Kadıköy galt überhaupt als „europäischer Vorort“ des Reiches.
- Die Theaterbühnen tragen symbolische Namen: Die „Große Bühne“ ist seit 2022 nach der Theaterwissenschaftlerin Sevda Şener benannt – ihr Name wurde am 9. Mai 2022 feierlich enthüllt, genau ein Jahr nach der Inbetriebnahme des Saals, was im türkischen Theater als Geste der Anerkennung einer ganzen Schule der Dramatik gilt.
Anfahrt
Das Müze Gazhane befindet sich im Stadtteil Kadıköy, in der Kurbağalıdere-Straße 125, nur 15–20 Gehminuten vom berühmten Fähranleger Kadıköy entfernt. Für russischsprachige Touristen ist die malerischste Route die Fahrt mit der Fähre von Karaköy, Eminönü oder Beşiktaş: Die Überfahrt über den Bosporus dauert etwa 20 Minuten und ist an sich schon ein kleiner Ausflug, besonders bei Sonnenuntergang, wenn die Silhouette der Altstadt in roségoldes Licht getaucht ist. Vom Anlegeplatz in Kadıköy kann man zu Fuß entlang der Uferpromenade und weiter ins Stadtviertel hinein gehen, vorbei am Kadıköy-Markt und dem Modaviertel, oder ein Taxi nehmen – die Fahrt kostet nur wenig und dauert ohne Stau 5–7 Minuten.
Alternativ führt die U-Bahn-Linie M4 (Kadıköy – Sabiha Gökçen) zum Müze Gazhane. Praktische Haltestellen sind Kadıköy und Ayrılık Çeşmesi; letztere hat einen Anschluss an die Marmaray-Vorortbahn, was für Gäste, die von der europäischen Seite kommen, sehr praktisch ist. Vom Flughafen Sabiha Gökçen (SAW) gelangt man direkt mit der M4 in etwa 40 Minuten dorthin – dies ist die schnellste und günstigste Variante. Vom Flughafen Istanbul (IST) gelangt man am bequemsten mit der U-Bahnlinie M11 nach Gayrettepe, von dort weiter mit der M2 und der Marmaray bis zur Station Söğütlüçeşme – von dort sind es 10 Minuten zu Fuß zum Museum. Auf Google Maps und Yandex ist das Objekt unter den Suchbegriffen „Müze Gazhane“ oder „Hasanpaşa Gazhanesi“ leicht zu finden.
Tipps für Reisende
Die beste Zeit für einen Besuch ist der Frühling (April–Mai) und der Herbst (September–Oktober): Zu dieser Zeit lässt es sich stundenlang angenehm durch den Innenhof des Komplexes schlendern, es finden Open-Air-Veranstaltungen statt und die Theatersaison ist in vollem Gange. Im Sommer ist es in den Gebäuden mit ihren dicken Ziegelwänden am kühlsten – eine willkommene Erfrischung von der Istanbuler Hitze. Im Winter sollte man den Besuch auf die Tagesstunden legen und gleich eine Theaterkarte mitbuchen: Die Abende in Kadıköy sind oft feucht und windig.
Planen Sie für die Besichtigung mindestens 1,5 bis 2 Stunden ein, mit Theaterbesuch oder Workshop einen halben Tag. Der Eintritt zum Gelände und zu den meisten Ausstellungen ist frei, für einzelne Bildungsprogramme und Vorstellungen ist jedoch eine Eintrittskarte erforderlich – am besten checken Sie den Zeitplan vorab auf der offiziellen Website der Stadtverwaltung von Istanbul und den Websites der städtischen Theater. Für Familien mit Kindern sind die Vormittagsstunden an Wochentagen ideal, da dann keine Schulklassen im Wissenschaftszentrum sind.
Verbinden Sie Ihren Besuch mit einem Spaziergang durch die benachbarten Viertel von Kadıköy: Der Kadıköy-Markt mit seinen Fisch- und Käseständen, die Fußgängerzone Bahariye, das Boheme-Viertel Moda mit Blick auf die Prinzeninseln und die alte Eisenbahnstrecke, die in eine grüne Promenade umgewandelt wurde – all das liegt im Umkreis von 20 bis 30 Minuten zu Fuß. Schauen Sie vor Ihrer Abreise noch im Café auf dem Museumsgelände vorbei und probieren Sie türkischen Tee aus einem Glasbecher, während Sie die alten Gasbehälter betrachten: Die Gasfabrik Hasanpaşa ist ein Ort, an dem sich das industrielle Erbe der Stadt in einen lebendigen Kulturhof verwandelt hat, und genau wegen dieses Gefühls lohnt es sich, an die asiatische Seite zu fahren.